Skip to content

Sonntag 25.04.2010

April 19, 2011

Ein schwerer Aufstieg


Nach einer nicht ganz so erholsamen Nacht in der Gemeinde Pilgerherberge von Villafranca breche ich auf  zu einer der wohl härtesten Etappen auf dem Weg zum Grab des heiligen Apostels.

Am Abend wollte ich gerne im Kloster zu Samos nächtigen und mich am Gesang der dortigen Mönche erfreuen. Bis zum endgültigen Etappenziel des Tages, standen mir jedoch mehrere kleine Ziele bevor.

Das geplante erste Etappen-Ziel, das kleine Bergdorf O´Cebreiro, lag nur 29 Kilometer entfernt, jedoch 800 Höhenmeter über meinem Ausgangspunkt am noch recht frischen Morgen des Tages. Diese Strecke versprach mir vom Höhenprofil einige schwere Anstiege, ich hatte keine Bedenken schließlich hab ich den Rabanal Pass prima gemeistert und bergauf fahre ich tatsächlich lieber als bergab!

Doch wie schwer dieser Anstieg werden würde, wurde mir schnell klar.

Ich folgte der Nationalstraße N VI , radelte im Flusstal am Rio Valcárel entlang und kam so gut voran. Die Bergwelt vor mir zeigte sich noch sehr beengt mit schönen grünen Tälern. Es gibt hier viel Sonne und genügend Regen für die Landwirtschaft. Während die Bergketten kalte Winde fern halten, haben die Bauern hier ideale Vorraussetzungen für ihre hervorragenden landwirtschaftlichen Produkte wie Obst, Gemüse und Wein. Kleine Marktstände säumen die Straße und bieten auch jetzt im frühen Jahr ihre Waren an. Ich beschließe mein Tagesproviat in Trabaledo einzukaufen.

Frisch gestärkt mit einem saftigen Apfel im Bauch radele ich auf der alten verkehrsarmen Nationalstraße stetig, aber nie allzu steil bergauf durch Ambasmestas, Vega de Valcarce bis zum Örtchen Ruitelán. Allmählich wird es steiler und ich bleibe fortan nur noch auf dem kleinsten Kettenblatt vorn und dem größten hinten. Einen leichteren Gang hat mein Fahrrad nicht zur Verfügung und ich merke schon jetzt das ich mir auf den Weg nach oben so manches extra Kettenblatt wünschen werde. Kurz nachdem Örtchen San Julián komme ich an eine Stelle die mir klar macht das ich diesen Berg nicht ausschließlich auf den Wegen eines Fusspilgers beschreiten kann. Dick und fett mit großen Buchstaben steht hier auf der Straße geschrieben , das ich als Radpilger der alten Nationalstraße weiter folgen soll und nicht den landschaftlich reizvolleren kleinen Pfad neben dem Asphalt. Dieser sei zwar der Weg für den Fusspilger, aber auf keinen Fall für den Drahtesel geeignet. Die großen deutlichen Warnhinweise sind mir Grund genug dem Folge zu leisten.

Die weiträumige Bergwelt empfängt mich, ich genieße den Blick auf mit niedrigen Bewuchs überzogene Berghänge. Stetig geht es steil bergauf, ich bemühe mich kraftsparend und gleichmäßig zu treten. Doch zwischendurch zwingt mich der Berg immer wieder abzusteigen und ein Stück zu schieben. Da ich grundsätzlich im sitzen fahre muss ich um diese Technik durchzuführen meinen Oberkörper weit nach vorne beugen um dem Rad die nötige Stabilität zu erteilen. Die Steigung wäre ohne Gepäck sicher noch möglich gewesen, aber mit den Satteltaschen ist das doch ganz beschwerlich.

Das Höhenprofil zeigt lediglich den Anstieg bis Pedrafita do Cebreiro

Der Blick geht über endlose Weiten der galizischen Bergwelt, ich befinde mich nun auf den Gebirgspass „Puerto de Pedrafita“. Eine kleine Asphaltstraße führt nun von der Nationalstraße links ab zu dem kleinen Bergdörfchen O Cebreiro. Doch zum Alto de Cebreiro sind es noch einige Kilometer. Dann hat die bergauf Fahrerei , so hoffe ich, erst mal ein Ende.

In 1293 Meter Höhe, in Ò Cebreiro, dem Tor nach Galizien, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein kleines Dorf, hübsch restauriert. Die kleinen strohbedeckten Bauernhäuser aus Bruchsteinen sind in ihrer Bauweise ganz dem rauen Klima angepasst. Im Grundriss  rund oder oval, bieten die dicken abgerundete Schiefermauern den Stürmen wenig Angriffsfläche. Die „Palozza“ besaß keine Fenster, sondern nur ein niedriges Schlupfloch für seine Bewohner und ein zweites etwas größeres für das Vieh. Im Giebel des Strohdaches befand sich eine Öffnung als Rauchabzug. Die Familie lebte auf engstem Raum. Eine „palozza“ ist als Museum ausgebaut und darf besichtigt werden. Andere dienen als Pilgerherbergen, kleine Gastwirtschaften oder Souveniergeschäfte betreiben ihren Handel. Am heutigen Sonntag werden Busse weise die Touristen angekarrt. Der vorm Dorf liegende Parkplatz deutete die Massen bereits an.

Doch ich komme nicht drum rum mir die einfache Kirche Santa Maria la Real anzuschauen. Das Gotteshaus ist dreischiffig mit dem Grundriss einer Basilika und rechteckigen Apsiden, laut Führer ganz typisch für die Vor-Romanik dieser Gegend. Dieser Kirchbau ist das älteste Monument am Jakobsweg.

Als das Wunder des Cebreiro erzählt man sich folgende Legende:

Ein Bauer eines nahegelegenen Dorfes stieg zum Cebreiro hoch, um die Messe zu hören, und zwar an einem Tag mit furchtbarem Schneesturm. Der Zelebrant, ein Mönch, der viel weniger gläubig war als der fromme Bauer, verachtete ihn insgeheim, weil er dieses Opfer auf  sich genommen hatte. Plötzlich verwandelten sich die Hostie und der Messwein sichtbar in den Körper und das Blut Christi, die in der Patene aufgefangen wurden. Der fromme Bauer und der ungläubige Zelebrant, liegen in einer Seitenkapelle der „Capilla del Milagro“ (Kapelle des Wunders) begraben. Die Patene und der Kelch finden sich heute im Staatswappen von Galizien wieder.

Beeindruckt von diesem historischen Dorf, den schönen restaurierten Häusern, der wundersamen Geschichten des gläubigen Bauern mache ich mich dennoch aus den Staub. Lasse die Touristen und den Tünneskram der Souvenierläden hinter mir und freue mich auf eine rauschende Talfahrt. Diese Vorfreude sollte mir jedoch schnell wieder genommen werden, denn „oben“ war ich noch nicht!

Fortsetzung folgt!

Villafranca

April 16, 2011

Eine bewegte Etappe liegt hinter mir. Ich habe starke Emotionen gespürt und konnte gut mit ihnen umgehen, tief Verschüttetes kam ans Tageslicht und öffnete mir auf dem Weg zum Cruz de Ferro die Augen.

Gereinigt und gestärkt von den Gefühlen bin ich nun ins schöne Bierzo eingerollt. Idyllisch liegen hier die Dörfer in den sanften Hügeln. Ich fahre auf einen Feldweg  ein, welcher mich direkt zur Santiagokirche von Villafranca del Bierzo führt.  Dieser Ort hat eine besondere Bedeutung. Kranke Pilger die dem Weg nach Compostela nicht mehr gewachsen waren konnten sich in der Santiago Kirche den Ablass abholen. Dieses Sonderrecht vom  spanischen  Papstes Calixt III. verlieh dem hier erteilten Ablass die gleiche Wirksamkeit wie der am Grab des Apostels in Santiago de Compostela. Doch den Ablass wollte ich noch lange nicht erbitten, ich fühle ich stark und kräftig und freue mich auf die Strecke welche vor mir liegt.

Direkt hier am Ortseingang, um die stattliche romanische Kirche aus dem 12.Jahrhundert, befinden sich auch die Pilgerherbergen. Zwei Herbergen habe ich oberhalb der Stadt zur Auswahl. Da ich keine Lust habe erst in die Stadt zu fahren um dann eventuell wieder hinauf zu kommen, entscheide ich auf  jeden Fall eine dieser zwei Herbergen als mein heutiges Nachtlager zu wählen.

„Ave Fenix“ eine in den Pilgerberichten oft beschriebene private Herberge, befindet sich direkt neben der Kirche. Diese „rustikale“ Herberge wird von Jesus und seiner Frau betrieben, sie bietet viel, eine Waschmaschine, eine kleine angeschlossene Bar mit günstigen Essen, Fahradschuppen und nach Alter getrennte Schlafräume (?). Der Eindruck der sich mir allerdings auftut ist der einer heruntergekommenen Kommune, die im Dreck ertränkt wird. Schmuddelig und dreckig der Vorplatz und wenig einladend für meine müden Knochen. „Nix für Luxuspilger“ ,steht nun auch in meinem Führer , ich kann dieser Aussage nur zustimmen und drehe um zur Gemeindeherberge etwas unterhalb der Kirche.

Das große Haus liegt mit seinem Eingang zu der jetzigen Tageszeit in der Sonne. Ein paar erschöpfte Pilger genießen die Wärme und tanken Kraft für den kommenden Tag welcher ihnen einen beschwerlichen Gang über 2 Pässe verspricht. Hier treffe ich auch Ronald wieder, den Hamburger welchen ich in Santo Domingo traf. Nur in Unterhose bekleidet sitzt der Selbstdarsteller in der Sonne und begrüßt mich mit einem lauten Hallo. War ich mir doch sicher das ich die Fusspilger auf meinem Weg nicht wieder treffen werde, musste ich mich heute eines besseren belehren lassen und freue mich sogar darüber.

Wir verbringen den Abend mit Essen, trinken dazu billigen Landwein, dabei ist diese Gegend bekannt für eine ausschließlich hier in der Region gedeihenden Traube. Im Duft der Mencia Traube, welche den Wein fast schwarz färbt, finden sich marmeladige Noten und schwarzer Fruchtkompott, Veilchen und Brombeere. Der Duft verspricht einen konzentrierten, fruchtigen Wein – strukturiert und kräftig soll er sein.Eine zarte Barrique-Note von Vanille und Karamell und einen langen Abgang verwöhnen die Weintrinker.Unkompliziert, aber dennoch anspruchsvoll! Jedoch zu TEUER für den Pilger!

Ich genieße den Abend, das Essen , den billigen Wein und das Wiedersehen mit Ronald.

Fazit:

Auch auf dem Camino trifft man sich 2x!

Tagesprotokoll:

61,36 km; 4:45:20; Ø12.9km/h; max. 50,88km/h; 1568kcal, Puls Ø127 bpm; max. 165 bpm

Routenplanung für den nächsten Tag:

Villafranca- 2 Pässe bergauf–> Pedrafita do Cebreiro (30,0) 1109m –> Cebreiro 1293m –> Porto de Poio 1335m (43,5) und wieder bergab–> Triacastela –> Samos (60,0)

Fortsetzung folgt!


Die Abfahrt

April 15, 2011

Fortsetzung

Samstag 24.04.2010

Die Landschaft hier oben am Cruz de Ferro ist gezeichnet von sanft gerundeten dunklen Bergkuppen. Ginster und Heidekraut, leider noch nicht in Blüte säumen meinen Weg.

In rauschender Abfahrt fahre ich hinab  ins Bierzo, dem Vorzimmer Galiciens.

Doch kurz hinter dem Gipfel erreiche ich die Überreste des verfallenen Bergdorfes Manjarin. In diesem verfallenden Weiler betreibt ein idealistischer Aussteiger mit grenzenloser Begeisterung ein „Freiluftrefugio“.  Als ich dort ankomme ist dieser Ort keineswegs verlassen, Menschen drängeln sich in dem kleinen Häuschen nahe der Straße, manche stehen auf Bänken vor der Hütte und versuchen einen Blick ins Innere zu erhaschen. Ich, immer noch ergriffen vom dem gerade Erlebten, bin die Ruhe selbst und stelle mein Rad am Zaun des kleinen Weilers ab und bewundere erst einmal die vielen Hinweisschilder die in die ganze Welt gerichtet sind.

Tomás, einer der bekanntesten Persönlichkeiten des Caminos lebt in der Einsamkeit nach der Tradition der Tempelritter und gewährt jedem seine Gastfreundschaft. Soviel Gastfreundschaft habe ich nun  nicht erwartet, eine Tasse Kaffe hätte ich gerne getrunken, einen Stempel wollte ich mir geben lassen und eigentlich dann hinabrasen ins Tal. Doch was hatte es denn nun auf sich mit diesen Menschenmassen, ich  erblicke allerlei technische Gerätschaften, große Scheinwerfer . Kabel liegen scheinbar ungeordnet am Boden. Ein paar umher wieselnde schwarz gekleidete junge Leute rennen mich fast um. Aufgeregt werden Anweisungen erteilt und schon ruft jemand das wir den Mund halten sollen, automatisch ist es still am Berg. Ich höre einen Gesang, erst leise dann lauter, immer mehr Stimmen ergeben nun einen Chor der ein spanisches Lied singt. Die Stimmung ergreift mich obwohl ich keinen der Sänger sehen kann spüre ich die Wärme die ihre Botschaft ausstrahlt. Nach knapp 2 Minuten verstummt der Gesang und eine Zeremonie wird durchgeführt. Ich habe mich mittlerweile näher an die Schauspieler heran gewagt und kann nun auch einen Blick erhaschen ins Innere des Refugiums. Tomás ,das muss wohl der sein der diesen auffälligen Mantel trägt mit dem Symbol der Tempelritter , erteilt eine Art Segen den vor ihm knienden Pilgern. Ein paar Worte, eine Geste in die Luft und schon ist der Spuk vorbei, Kamera aus, Scheinwerfer aus und aus dem Getuschel wird lautes Gerede! Ich traue mich nun auch näher heran , lasse mir von dem sehr freundlichen jungen Assistenten von Tomás den Stempel geben, trinke noch schnell einen leckeren frischen Tee und mache mich anschließend  auf den Weg ins Tal.

Kurz hinter Manjarín geht es noch einmal kurz bergan, die Landschaft ist herrlich. Da ich auf dem Fussweg für die Pilger bleibe entgeht mir auch die in meinem Reiseführer beschriebene Warnung für Radpilger. Ein großes Schild soll mich vor der nun folgenden , gefährlichen Fahrt warnen, kurvenreich und unübersichtlich wäre die Strecke auch wenn kaum Autoverkehr vorkommt, kam es schon zu tödlichen Unfällen. Der Pilgerpfad ist ein ausgetretender WEg mit Wurzeln und Steinen, ein paar zugegeben steile Passagen muss ich passieren aber das bereiten mir keine Probleme. Im Gegenteil ich trete beherzt in die Pedale und vertraue meiner Technik und dem Material meines Rades.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ich rolle so gelassen durch die  herrliche Berglandschaft abwärts, durchquere El Acebo, wenig später Riego Ambrós, lasse auch das malerische Molinaseca mit seinen stattlichenBauernhäusern sowie die Kapelle der Virgen de las Angustias links liegen um nach wenigen Kilometern Ponferrada zu erreichen.

Ponferrada ist die Hauptstadt der Comarca El Bierzo der Provinz León. Sie liegt 508 m über dem Meer am Zusammenfluss von Sil und Boeza. Eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten ist die Templer Burg (siehe Bild unten). Eine kurze Stadtrundfahrt genüg mir jedoch und ich suche schnell das weite aus dem hektischen Betrieb der Stadt. Nachdem ich die Stadt hinter mich gelassen hab überquere ich eine Autobahn und tauche ein in Weinberge.

Durch Weinberge und alte Dörfer fahrend genieße ich das herrliche Wetter. Die Landschaft ist wirklich traumhaft, ich folge den gelben Pfeilen und erreiche schließlich mein Etappenziel am heutigen Samstag–> Villafranca

es geht weiter….

April 14, 2011

denn am Ziel bin ich noch lange nicht…..das Ziel war doch Santiago und dort bin ich ja auch hingefahren.

Ich will euch berichten, werde meine Reiseaufzeichnungen heraus  holen und mich zurück träumen auf meine Reise, auf meinen Pilgerweg…denn er fehlt mir. Jetzt im Frühjahr umso mehr als im vergangenden Winter!

Ja….es geht weiter!

Am Ziel?

Oktober 6, 2010

Der Weg ist das Ziel … 

… das Ziel ist der Weg…

Genau das war mir mit einem Schlag klar. Bin ich bis hierher einfach nur mit meinem Rad den Pilgerweg gefahren um das aus rein sportlicher Sicht getan zu haben, war mir nun bewusst das es meine Aufgabe  war diesen Weg als Reinigung oder Auffrischung meiner Seele zu sehen.

Am Kreuz war mir alles klar, ich lebe ein gutes Leben, mit tollen Kindern , einem liebevollenEhemann, in finanzieller Sicherheit mit vielen Annehmlichkeiten. Was mir nur fehlt war, das zu sehen und anzunehmen. Mich als einen glücklichen Menschen zu bezeichnen war doch so simpel…..ich musste es nur so sehen, wahr nehmen. Ich bin frei, ich kann alles tun was mir gefällt, ich bin gebildet und selbstbewusst genug mein Leben alleine in die Hand zu nehmen, ich brauche  keinen Anderen dazu…wenn ich wollte könnte ich mich von meinem Mann trennen und könnte für mich alleine sorgen, mir ein Leben aufbauen getrennt von meiner Familie, als Frau….nicht als Mutter oder Ehefrau von…das war mir mit einem Male klar, aber klar war mir auch das ICH das gar nicht will. Ich liebe meine Familie , ich liebe mein Leben, nur liebe ich mich?

Der Weg sollte mir zeigen das ich mich liebe, er kramte mit jeder Pedalumdrehung etwas Neues von mir aus meiner Seele empor und sie schrie mich an manchen Tagen förmlich an das zu tun und das zu sein was ich bin!

Heute im Alltag fehlt mir an manchen Tagen die Gelassenheit meiner Reise, der Tage danach, der Alltag ist ein hartes Brot und schmeckt nicht immer gut.

Doch nehme ich mir die Zeit und atme tief durch , lasse Ich mich ein auf die Natur vor meiner Haustür, lasse Ich mich ein auf das Glück in Mir, dann kommt sie zurück und ich spüre wieder diese Liebe!

Tu nur das was dein Herz dir sagt!

Samstag 24.April 2010

Oktober 5, 2010

Ich hab geschlafen wie ein Stein, todmüde bin ich nach meiner Tortilla ins Bett gefallen. Dazu hab ich mir ein Bier gegönnt. Die einzigen Pilger welche ich aus meiner Herberge am gestrigen Nachmittag/Abend sah, war ein junger Amerikaner mit seinen 2 weiblichen Begleiterinnen. Die Eine mit hübschen langen zwei Beinen und Spanierin, die andere wilde Mähne und eindeutig belgischer Herkunft und vierbeinig. Er von kräftiger Statur und blind! Ein blinder Pilger! Gestartet in den Pyrenäen und nach seiner Aussage, nur die schlimmsten Strecken für seinen Hund mit dem Bus gefahren. Heute morgen waren sie schon weg. Ich bin mal wieder zu spät an, schlafe immer bis kurz vor dem Rausschmiss aus der Herberge und verpasse somit jeden Morgen das allgemeine Aufbrechen. Sicherlich hole ich sie alle ein, doch einmal möchte ich gerne dabei sein wenn sich das Fussvolk aufmacht!
Heute jedoch schien es mir als wäre niemand auf dem Weg, kein Pilger weit und breit zu sehen. Der Nebel hing am Berg. Der Anstieg zum Cruz de Ferro war zwar kurz, aber knackig, im Frühnebel hat die Bergwelt ihr Eigenleben. Der Camino nimmt seinen Lauf abseits der Straße, schmale Steige und Pfade machen es mir heut nicht leicht mein Etappenziel zu erreichen. Nach etwa 6 Kilometern erreiche ich Foncebadón und habe somit den Großteil des Anstieges bereits hinter mir.

F0ncebadòn wurde bereits im 10.Jahrhundert erwähnt und war für Pilger des Mittelalters eine wichtige Anlaufstelle. Aber die glorreiche Zeit ist vorbei und liegt viele Jahrhunderte zurück. Im Jahre 2000 war das Dorf verlassen und lag in Ruinen. Dank der Neuentdeckung des Jakobspilgertums gibt es jedoch neben einigen Privathäusern inzwischen auch wieder ein großes Hotel, ein sehr empfehlenswertes Restaurant sowie zwei Herbergen, eine davon in der alten restaurierten Kirche.


Hinter Foncebadón geht es weiter bergan, schmale Trails durch eine karge Landschaft führen mich anspruchsvoll weitere 3 km meinen Ziel entgegen. Die nahe Straße grinst scheinbar immer wieder einen kurzen Augenblick zum mir ins Gebüsch. Wäre mein Ehrgeiz nicht so groß so, würde ich auf der nahen Straße fahren und hätte  es weniger anstrengend. Doch ich bin froh nicht allzu schnell den Gipfel zu erklimmen. Mit jedem Höhenmeter wandelt sich meine Stimmung, von euphorisch bis zu todegetrübt .

Auf 1504 Meter Höhe erbet sich vor mir das einfachste, aber auch symbolträchtigste Kreuz entlang des Caminos, das Cruz de Ferro. Aus einem Steinhügel ragt ein roher , dünner Baumstamm, gekrönt von einem einfachen Eisenkreuz. Millionen von Steinen bilden nach tausendjähriger Tradition den Hügel, mitgebracht und abgelegt von den vorziehenden Pilgern auf den Weg nach Santiago de Compostela.

Oben angekommen übermannen mich meine Gefühle. Ein Teil-Ziel hatte ich erreicht. Ein prägnanter Punkt auf meiner Reise. Ich kramte meinen Steinaus der Tiefe der Tasche und legte ihn ganz oben ab. Ein kleiner Stein aus der Heimat, bemalt, beschriftet, beklebt vom Töchterlein und mir. Meine Gedanken sind bei meinem Lieben daheim. Sie fehlen mir, ich vermisse meine Familie und Tränen laufen ungebremst über mein Gesicht. Ich schäme mich nicht und zu dieser frühen Stunde sind gerade mal mit mir 4 Pilger an diesem Ort. Die anderen Drei haben bereits Ihren Stein aus der Heimat abgelegt und sitzen still in Gedanken versunken um diesen für Touristen ausgebauten Ort an der Kapelle, unter den Zypressen auf einer Decke betend oder frühstückend in einem der nachliegenden kleinen Pavillons. Ich bin allein mit mir und meinen Gedanken, mit meiner Reise, meinen Wünschen und Hoffnungen. Mit meinem Auftrag, welchen ich mir selbst erteilt habe. Hier und jetzt hatte ich ihn erfüllt. Ich kann jetzt einpacken und wieder nach Hause fahren, denn die Suche nach dem Sinn meiner Reise war mir mit einem Schlag klar.

Ich war am Ziel!

Fortsetzung folgt!

Die Kaputten!

September 30, 2010

Rabanal del Camino

Rabanal  ist ein schön herausgeputzter Ort. Die Straßen sind liebevoll wieder hergestellt worden und das Dorfleben dreht sich vollends um die Pilger.

Es gibt hier mittlerweile 4 Pilgerherbergen und das bei nicht einmal 50 Einwohnern. Im Winter 99/2000 richtete die Erzabteil Sankt Ottilien aus München ein kleines Kloster in dem Ort als Zweitniederlassung ein. Ein liebevoll restauriertes Gebäude in dem der Pilger sich Zuhause fühlt. In der nahen romanischen Dorfkirche, frisch restauriert, erklingen nach alter Tradition gregorianische Gesänge.

Da ich am Abend meiner Ankunft nicht sehr belesen war über diesen Ort und auch sehr müde Beine hatte, nahm ich die erste Herberge am Ortseingang, nichts ahnend das der Ort so gut mit Pilgerherbergen bestückt ist. Meine Unterkunft war einfach, aber sauber , doch etwas eng….gerne hätte ich mich von den deutschen Mönchen verwöhnen lassen. Diese kochen auch sehr gut für ihre Gäste…schade (für mich)!

Auf dem Weg nach Rabanal fiel mir ein Mann auf, welcher mitten auf dem an dieser Stelle engen Camino saß. Er trug schwere Stiefel, keine Wander-High-Tech-Schuhe, einen alten Bundeswehr Rucksack, eine Lammfelljacke, eine Wolldecke und eine Gitarre. Seine Haare, blond, hatte er vor vielen Jahren schon verfilzen lassen und sollten wohl Dreadlocks darstellen. Doch die Kunst des Jenigen, welcher die Dreads gedreht hatte, war nicht groß und so sah der Kopf genauso zerrissen und abgelebt aus wie der junge? alte? Mann. Ich fuhr langsam auf ihn zu, denn ich dachte er könnte Hilfe gebrauchen, vielleicht war er müde oder verletzt, einfach ausgebrannt vom langen wandern. Ich wollte helfen. Doch  je näher ich kam umso schneller wollte ich an ihm vorbei, seine Augen flackert wirr und sein Blick schien mich aufzuspießen, er redete leise vor sich hin, fluchend. In Rabanal traf ich ihn wieder! Erschöpft von den letzten Kilometern ließ er sich gleich am Ortseingang wie ein Sack zu Boden fallen, theatralisch gekonnt inszeniert. Die Blicke der Menschen waren ihm sicher und auch die einer jungen Frau welche ich bis dahin gar nicht war genommen hatte. Sie, Mitte 30, still sitzend auf der Bank in einer Madonnenähnlichen Haltung, betend den Kopf gesenkt schoss empor und eilte dem Zerrissenen zur Hilfe. Sie kannten sich und das Hallo war groß, sie nahmen sich auf der Straße kniend in die Arme und sprachen –> tatsächlich deutsch. Nach dem großen Hallo schien der Mann zu Kräften gekommen zu sein und seine Lebensgeister kamen angeflogen und bejubelten den Ort und jeden der in seinem Umkreis saß oder stand. Er sprach mehrere Sprachen Englisch , Spanisch und auch Französisch, denn er quatschte jeden Pilger und Einheimischen an , bettelte nach Geld oder etwas zum Essen. Ich schaute mir das Schauspiel an, doch wurde ich verschont von seiner Ansprache. Die Frau dagegen sammelte seinen Rucksack mit den Habseligkeiten auf und stellte diesen an den Wegesrand gegenüber der Herberge ab, dort wo auch ihre Tasche stand. Eine Umhängetasche! Bekleidet war Madonna mit einem Wollmantel und Halbschuhen, sicherlich keine geeigneten Wanderschuhe für die Pilgerreise und doch war sie eine Pilgerin. einen Wollmantel erschien mir auch Ende April bereits zu warm und als Pilgerbekleidung zu schwer. Dieses Paar, das waren sie eindeutig, passten so gar nicht in mein Bild der Pilger. Abends sah ich sie wie sie sich gegenüber dem Eingang zu meiner Herberge ein Bett im Straßengraben herrichteten. Eine Plastikplane wurde gefaltet, darüber kam eine Wolldecke und die Taschen und der Rucksack dienten als Kissen, so saßen sie zusammengekauert im Arm liegend den Abend mir gegenüber und aßen ihr trocken Brot tranken billigen Wein und schliefen tatsächlich nur mit ihrer Lammfelljacke und Wollmantel bekleidet eng umschlungen ein. Ich war verwirrt und konnte kaum glauben was ich sah…am nächsten Morgen waren sie bereits aufgebrochen einzig die leere 2 Liter Weinflasche bleib am Ort ihres Nachtlagers zurück.

Fortsetzung folgt!