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Kurz vorm Ziel

Juni 2, 2011

Monte do Gozo

Diese Pilgerherberge ist wirklich verdammt groß. Sie liegt am Hang mit Blick auf die Stadt. Die Gebäude sind in Reihen an den Berg gebaut, zwei liegen sich immer gegenüber. Dazwischen ist ein breiter gepflasterter Weg. Terrassenförmig bildet dieser Komplex verschiedene Ebenen.  Der breite Weg läuft zu einem großen Hauptplatz bergabwärts, dort wo die Versorgungsgebäude stehen.

Jetzt zu Beginn der Saison, ist das oberste linke Gebäude als Pilgerherberge geöffnet. Das ca. 200 Meter lange und 10 Meter breite Gebäude hat einen Empfangsbereich mit Pinnwand und großem Schuhregal. Eine Küche, Aufenthaltsraum, Waschräume und durch Schiebetüren vom Flur getrennte 8 Bettzimmer. Allein dieses Gebäude fasst 240 Pilger.

Am Abend vor dem Ziel lasse ich die zurückgelegte Strecke Revue passieren. Der Camino war meistens sehr schön, die Landschaft beeindruckend und das Wetter stabil. Kein Regen, ein paar Tröpfchen aber mehr nicht. Am Morgen war es immer noch sehr frisch aber ansonsten schönstes Frühlingswetter so gar nicht April! Bis auf ein Teilstück an einer Autobahn, bei dem ich sehr froh war mit dem Fahrrad fahren zu dürfen, da ich so schneller wegkam, beneidete ich die Fußpilger. Ihre Gelassenheit stellte sich sicher schneller ein als bei mir. Doch mein Camino ist ja noch nicht zu Ende, schließlich will ich bis ans Ende der Welt. Bis nach Fisterra. Und das sind noch einmal ab Santiago 2 Tagesetappen, bis nach Muxia eine weitere und zwei wieder nach Santiago zurück. Ich habe also noch Zeit meine Gelassenheit zu stärken.

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Auch auf dem Camino trifft man sich immer zweimal, mindestens. Auch als Radpilger ergeht es mir nicht anders. Mit einem Becher Automatenkaffee sitze ich vor dem Gebäude. Der Fahrradständer füllt sich. Meistens sind es Trekkingräder, Citybikes sogar ganz einfache alte Schätzchen stehen da als Gefährten der Pilger. Doch eins kommt mir verdammt bekannt vor. Das graue „Orbea“ mit den viel zu großen Packtaschen ist mir schon oft begegnet, wenn auch das letzte Mal ohne Gepäck. Der rote Blitz ist also auch angekommen und möchte die letzte Nacht bevor er seine wohlverdiente Credicial in Empfang nimmt, hoch über der Stadt nächtigen. Ich halte Ausschau nach Fernando, werden seine Augen noch immer blitzen, oder wird er sich beruhigt haben wenn er mich sieht?

Immer neue Wanderer erreichen die Herberge. Ich schaue in die Gesichter  und sehe neben der Anstrengung immer auch ein Lächeln.  Hier treffen nun spätestens alle Wege auf einander.

Die verschiedenen Wege zum Apostelgrab

Camino Frances; Von den Pyrenäen sind es etwa 800 Km, bis zum Apostelgrab des hl. Jakobus.

Camino del Norte
 Ein Teil des Küstenweges ist der „Primitive“ Jakobsweg – er ist der älteste aller Pilgerwege in Spanien. Der Pilgerweg führt von Oviedo über Lugo bis zum Ziel, das Apostelgrab des hl. Jakobus.

Caminho Portugues
Mehrere Pilgerwege führen durch Portugal. Der bekannteste startet in Lissabon über Fatima, Coimbra, Porto, Braga, Valença do Minho, Tui, Pontevedra, Padrón, bis zum Ziel.

Via de la Plata
Die Via de la Plata war eine alte Römerstrasse von Sevilla über Mérida nach Astorga. Heute starten viele Pilger in Sevilla auf über 900 Km. um das Ziel zu erreichen: das Apostelgrab des hl. Jakobus.

Camino de Levante
Der Camino de Levante vom Mittelmeer nach Santiago, 1.200 km  zu Fuß, ein Pilgerweg auf historischen Pfaden. Start in Valencia mit der Variante über Astorga oder Ourense bis Santiago.

Ruta de la Lana
Die Ruta de la Lana verläut von Monteagudo über Salmeròn und dem Kloster Silos nach Burgos, und verbindet sich dort mit dem Camino Frances. Dieser Pilgerweg hat bis Burgos eine Gesamtlänge von 375 Km.

Camino Fonseca
Der Camino Fonseca verläuft von Salamanca über Zamora, Ourense, Monasterio de Oseira nach Santiago de Compostela. Er hat eine Länge von bis zu 505 Km je nach Variante.

Camino Inglés
Der Camino Inglés verläuft von Ferrol über Neda und Miño nach Bruma. Hier trifft er mit der anderen Variante die von A Coruña kommt zusammen. Von hier aus geht es über Sigüeiro nach Santiago de Compostela. Das Ziel wie immer, ist das Grab des hl. Jakobus.

Frisch geduscht steht auf einmal Fernado vor mir. Er nickt mir zögerlich zu und verschwindet mit einer Einkaufstüte in der Herberge.  Frisch geduscht ohne Radklamotten sieht der Spanier nicht ganz wie eine Billardkugel aus. Die Farbe seines T-Shirts ist etwas dezenter als das knallige Rot seines Trikots.

Wie so oft mache ich mir meine Gedanken zu den Menschen die ich bisher getroffen habe. Wo kommt er her, welchen Beruf übt er aus, hat er Familie, Warum begibt er sich auf eine Pilgerreise?

Als ob er meine Fragen gehört hätte steht er auf einmal wieder vor mir.

F: „Hola! Qúe tal?“

„Hallo wie geht’s?“

Ich: „Muy bien!….Me llamo Yona! Qúe tal?“

„Sehr gut, mein Name ist Yona!“

F: „Mucho gusto! Mi nombre es Fernado!“

„ Mein Name ist Fernado!“

Ich: „Ya los sé. Su nombre estaba en la credicial!“

„Ich weiß, dein Name stand in deinem Pilgerpass!“

Fernado lächelt und erzählt mit  einfachen spanischen und englischen Vokabeln seine Geschichte.  Er kommt aus Barcelona und arbeitet dort bei einer Softwarefirma. Seine Reise begann auch dort, sein Weg zum heiligen Apostel führte ihn über die Via de la Plata und dem Camino Francés hier her nach Santiago.  Er ist bereits seit 4 Wochen unterwegs und scheint über das Ende seiner Reise gar nicht glücklich zu sein. Obwohl er diese Reise nicht freiwillig antrat spürt er nun Wehmut dass er sein Ziel erreicht hat. Ich frage nach. Nicht freiwillig?

„Si!“ In seiner Firma stehen Beförderungen an. Um nun eine dieser beliebten Stellen zu bekommen, hat sein Chef ihn auf diese Pilgerreise geschickt. Er wurde für den Zeitraum von 5 Wochen freigestellt um nach Santiago zu pilgern. Erreicht er sein Ziel und kommt mit der begehrten Urkunde zurück, darf er auf eine bessere, gut bezahlte Stelle im Unternehmen hoffen.

Krass, ein Chef schickt seine Mitarbeiter zur Selbstfindung auf Pilgerfahrt. Diese Praktik ist in Spanien durchaus üblich. Die gläubigen Katholiken pilgern nicht aus sportlichen  Gründen zum Grab des Apostels. Sie erhoffen sich, wie auch ihre Vorfahren im Mittelalter auf diesem Weg die Erleuchtung und die Vergebung ihrer Sünden. Als er so kurz vor dem Ziel seinen Pilgerpass verloren hat, brach eine Welt zusammen, sollte all die Mühe umsonst gewesen sein? Die Strapazen der Fahrt vergebens! Seine Hektik, seinen Frust auf der Suche nach dem Pass kann ich nun gut verstehen. Für Fernado ist die Urkunde welche er morgen erhält ein Stück Zukunft!

Fernado und ich essen gemeinsam. Er hat bereits eingekauft und wir genießen in der Sonne weiße Bohnen mit Cabanossi Würstchen und Ei. Appetitlich sieht das Mahl nicht aus aber es schmeckt wunderbar! Dazu gibt es gutes holländisches Bier.

Der Tag kommt auch hier zur Ruhe noch einmal wasche ich meine Trikots und die Socken. Ich stinke entsetzlich in den Klamotten, so sehr das ich mich selbst nicht mehr riechen mag.

Ich hoffe auf eine ruhige Nacht und sehe der morgigen Etappe mit gemischten Gefühlen entgegen.

Erkenntnis des Tages:

Ein Stück Paper kann Zukunft bedeuten!

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5 Kommentare leave one →
  1. Juni 2, 2011 6:37 am

    Heute lerne ich noch wie ich meine Bilder komprimiere damit ich schneller und vor allen Dinge mehr hochladen kann!
    Viel Spaß beim lesen!

    • Juni 2, 2011 7:15 am

      Habe ja gar nichts gesagt 😀

      Gespannt, wann mich meine „Chefin“ auf den Camino schickt … 😆

  2. tiffy permalink
    Juni 6, 2011 8:09 pm

    Toll, wie fleissig Du an den Berichten geschrieben hast. Kaum war ich ein paar Tage nicht da, gibt es bei Dir soviel zu lesen. Danke!!!

  3. tiffy permalink
    September 16, 2011 2:27 pm

    Hallo Bonafilia,
    ich schaue grad wieder mal hier rein.
    Gibts es noch den Schluss zu Deinem Bericht?
    Ein schönes WE!

Trackbacks

  1. La Soñadora « In der Welt zu Gast

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