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Wer sein Rad liebt–> schiebt!

Mai 31, 2011

Eine aufregende Nacht und ein langer Fußmarsch

Mittwoch 28.04.2010

Wo der Weg zur Ruhe kommt das ist der Ort an dem du schläfst.

Die Albergen am Rande des Weges sind sehr unterschiedlich. Teilweise einfache Häuser ohne Heizung, traditionelle Bauten oder moderne Zweckbauten, liebevoll restaurierte alte Bauernhäuser, oder Hospitale. Manchmal fühlt der Pilger sich Zuhause, wird umsorgt, bekocht und verwöhnt.

Das andere Mal wird er abgefertigt und für die Nacht verwahrt.

Wichtig ist das man als Pilger seine Ruhe findet und Kraft schöpft für den kommenden Tag

Die Drei von der Trinkgesellschaft kommen auf jeden Fall nach der allgemeinen Speerstunde in die Herberge, wie gut das der Herbergsvater ihr Gastgeber war und dieses Geschäft gerne mit ihnen tätigte. Ein kleiner Tumult im Schlafraum doch dann herrscht Stille bis es anfängt. Dieses Stöhnen. Keine Schnarchen, nein, ein Stöhnen, SEX? Der Schlafraum erwacht zum Leben. Verschiedene Sprachen rufen zur Ruhe, doch nichts passiert, nein ganz im Gegenteil das Stöhnen wird lauter, kräftiger, die Rufe drohender. Gelächter erfüllt den Raum der Schläfer wird nachgeäfft doch nix passiert. Da der Raum nicht völlig dunkel ist und ich mich bereits gut an die Dunkelheit gewöhnt habe sehe was nun passiert. Der Bettnachbar hält es anscheinend nicht mehr aus, steigt aus dem Bett und verpasst seinem Bettsozius einen festen Schlag ins Gesicht. Erst jetzt sehe ich das es sich um die Trinkgesellschaft in der Bar handelt. Es müssen auch mehr als nur ein Schlag gewesen sein, augenblicklich ist das Stöhnen verklungen und der geschlagene sitzt blutüberströmt auf seinem Bett. Mittlerweile ist keiner der 56 Pilger mehr im Bett. Eine Schweizer Krankenschwester behandelt den Verletzten und wir richten ihm ein Nachlager im  Nebengebäude, er bekommt eine Wache dazu so dass nun für die unbeteiligten Pilger die Hoffnung auf etwas Ruhe aufkommt.

Keiner urteilt, keiner droht dem Täter, keiner hat auch nur allzu viel Mitleid mit dem Opfer.

Angekommen sind wir vor Stunden, als der Weg zu Ende war, zu Ruhe kommen wir erst spät in der Nacht.

Manch ein Pilger beendet seine Nacht wieder früh. Die Nachtpilger stellen unangenehme Wecker, lassen Handys klingeln und brechen nach viel Geraschel und Gepolter sehr früh auf. Vereinzelt schon um 4 Uhr morgens. Doch der größte Teil beendet die Nachtruhe um 6 Uhr, packt und macht sich auf den Weg.

Ich habe Zeit. Genieße meine morgendliche Gelassenheit und schlafe oft bis der Raum wieder leer ist. In Ribadiso nächtigt unter mir ein blonder Mann aus München. Im allgemeinen Aufbruch packt auch er seinen Rucksack um seinen Weg weiter fort zu setzten. Er brummelt leise vor sich hin. Ich hebe meinen Kopf und lausche.

„Scheiß Camino, wozu tut man sich das an, hoffentlich ist das bald vorbei……son Scheiß……“

Max hat Durchfall, seit 2 Tagen quält ihn Montezumas Rache, seine Moral ist am Ende. Später werde ich ihn wiedertreffen und darf ihn ein Stück begleiten.

Zum Frühstück gibt es mal wieder einen großen Cafe Leche dazu habe ich hier in dieser luxuriösen Herbergsbar  eine große Auswahl. Ein Brötchen mit Marmelade muss reichen, Wurst und Baguette für mein zweites Frühstück hab ich noch von meiner gestrigen Etappe im Rucksack. Ich lasse mir wie immer Zeit mit dem Aufbrechen, genieße die Ruhe der Herberge um mein Rad startklar zu machen. Überprüfe Luftdruck, ziehe die Schrauben meines Gepäckträgers nach öle die Kette und mache mich erst gegen halb neun auf meinen Weg gen Westen.

Gleich hinter der Herberge geht es über einen steilen Anstieg zur N-547 welche ich rechts liegen lasse und dem Schotterweg parallel dazu folge. Nun bin ich wach, bis Arzúa trifft mich noch ein kleiner aber sehr bissiger Anstieg. Auf insgesamt 3 Kilometer Wegstrecke überwinde ich so 85 Höhenmeter, doch 50 davon auf gerade mal gefühlten 500 Metern. Hinter Arzúra geht es nun abwärts durch Gemüsegärten und Wiesen zur Bachaue von As Barrosas. Immer wieder bergauf und bergab ereiche ich Raido, unterquere die Nationalstraße und trete direkt wieder hart in die Pedale um das kurze Stück der Asphaltstraße zu folgen. Doch schon bald geht es wieder auf Feldwegen, durch schattige Waldstücke am Wasserlauf des Landrón entlang  bis ich den Eukalyptuswald hinter Tabernavella erreiche. Hier gabelt sich der Weg und ich folge dem Schild einer Bar um Pause zu machen.

In Calle finde ich eine gut ausgebaute Raststätte für die Pilger. Direkt an einem Wasserlauf gelegen, schön in der frühen Sonne rasten hier meine Zimmergenossen der vergangenen Nacht.

Ein großes Hallo, man reicht mir einen Stuhl den ich gerne annehme und bestelle mir einen Cafe Leche, was sonst! Unser Gesprächsthema ist natürlich die Schlägerei der vergangenen Nacht. Niemand hat das Opfer gesehen, ebenso den Täter. Es wird reichlich spekuliert, da ein Spanier auf dem nächtlichen Toilettengang auch die Polizei auf dem Herbergsgelände gesehen hat. Sitzt der Schläger im Gefängnis? Liegt das Opfer womöglich im Krankenhaus? Nichts weiß man und so werden wilde Geschichten erfunden und viel gelacht. Man sieht sich, da sind wir uns alle sicher, in Santiago wieder. Das Ziel was zum greifen nah ist.

Etwas Abseits sitzt Max, in sich versunken mit einem dampfenden Tee vor sich. Er ist blass und verdammt dünn! Ich gehe zu ihm und frage ihn ob es besser geht, schließlich habe ich unfreiwillig seinem Gefluche von heute morgen zugehört und bin zugegebener Maßen sehr neugierig was genau dahinter steckt.

Max ist Familienvater, er wohnt in der Nähe von München. Als Ingenieur verdient er ganz gut und kann sich so mit seinen beiden Töchtern und seiner Frau ein Häuschen leisten. Doch in den letzten Jahren drehte sich alles um Geld verdienen, Kinder kriegen, Haus bauen, Werte schaffen, gut da stehen dem Schwiegervater imponieren, dem Chef imponieren, die vermeintliche Konkurrenz ausschalten……es folgte ein Zusammenbruch. Ein Kollaps, ein Burn Out. Statt Psychopharmaka zu schlucken entschied sich Max für die Pilgerreise und war bis vor wenigen Tagen auch noch sehr glücklich und befreit von all dem belastenden Alltag den er doch hinter sich gelassen hatte.  Seine Geschichte fesselt mich so sehr das ich mich dazu entschließe ganz nach dem Motto „Wer sein Rad liebt der schiebt!“, mit Max gemeinsam ein Stück zu gehen. Ich will ihn begleiten, ihm eine Stütze sein, denn zugehört, so Max, hat ihm auf seiner Reise noch niemand. Ich bin die Erste!

Wir verlassen also gemeinsam die kleine Bar und überwinden den nahen Bachlauf auf einen Steinweg. Am Ortsausgang tauchen wir für wenige Meter ein in einen schlammigen Hohlweg und bekommen so leicht nasse Füße. Auf Schotterwegen geht es weiter Richtung Boavista über Salceda vorbei am Gedenkstein für einen verstorbenen Pilger mit dem schönen Namen „Guillermo Watt“. So kurz vor dem Ziel auf dem Weg nach Santiago de Compostela verstarb Guillermo, mit 69 Jahren auf seiner Pilgerfahrt. Von Gott umarmt, wie die Inschrift verheißt, wird er sein Ziel dennoch erreicht haben, hoffe ich, auch ohne, dass ihn seine Füße in die Mauern von Santiago getragen haben. Zu seinem Gedenken haben bereits vor uns viele Pilger Blumen vom Wegesrand gepflückt und niedergelegt. Wir tun es ihnen gleich  und schmücken den Gedenkstein mit Glockenblumen.

Unser Weg führt uns durch schattige Eukalyptuswälder, über Kieswege, auf ruhigen Nebenstraßen unserem Etappenziel entgegen. Max geht es schlecht, er hat Durchfall, oft krampft er  zusammen. Er trinkt viel, doch nur gekauftes Wasser. Den Brunnen traut er nicht mehr, dazu gebe ich ihm Magnesiumtabletten und eine Cola. Auch wenn diese pisswarm ist enthält sie doch Elektrolyte die ihm helfen sollten sein Leiden zu lindern. Meine Gesellschaft tut im gut sagt er und wir unterhalten uns über Gott und die Welt. Doch immer wieder kommen wir auf den Sinn unserer Reise zurück und dem was wir gelernt haben vom Weg.

In Sta.Irene möchte Max seine heutige Etappe beenden und wir halten Ausschau nach der Herberge. Ein Refugio soll es hier geben und mehrere private Unterkünfte. Ein Bad möchte er nehmen, den Rest des Tages in der Sonne schlafen um Morgen fit und gestärkt in Santiago de Compostela einzulaufen. Doch leider ist es gerade Mittagszeit und alle Bewohner des Örtchens scheinen verschwunden zu sein. Noch nicht einmal einen Hund sehen wir. Der Ort ist tot, statt bis zu der an die Tür geschlagene Öffnungszeit zu warten möchte Max nun doch weiter gehen und sein Glück in Ruá versuchen. Dort nimmt sich Max ein Zimmer im Hotel O Pino, wir verabschieden uns von einander und stellen beide fest das die paar Stunden gemeinsamen Gehens, Freunde aus uns gemacht haben. Freunde für einen Tag, die sich ihre Geschichte erzählen durften und lauschten was der andere so zu sagen hatte.

Ich verdrücke ein paar Tränchen und setzte mich nach gut 20 Kilometer Fußmarsch wieder auf mein Mountainbike. Vor mir liegen bis zu meinem Etappenziel noch 15 Kilometer. Beschwingt radele ich auf schönen holprigen Wegen, üppig überwachsenen Hohlwegen, Trampelpfaden und verkehrsruhigen Nebenstraßen meinem Ziel entgegen.

Ich ereiche bald Lavacolla. dort berichtet der mittelalterliche Pilgerführer Aymeric von folgenden:

„Und ein Fluss, Labacolla genannt, weil die französischen Pilger auf dem Weg nach Santiago sich in dem dichtbewachsenen Gelände, durch das er in zwei Meilen Entfernung von Santiago fließt, entkleiden und aus Liebe zum Apostel nicht nur einzelne Teile reinigten, sondern den Schmutz des ganzen Körpers abwuschen“

Was nach der weiten Reise sicherlich von Nöten war und nicht geschadet hat.  Allzu wilden Ausschweifungen bei diesen Großbadetagen beugte man zeitweise mit einem Pilgerverbot für ledige und schutzlose Frauen vor.

Ich komme zügig voran und so erreiche ich auch schon bald mein Ziel welches ich mir gestern Abend gesteckt habe. Vilamaior! Die Herberge Casa de Amancio erweißt sich als luxuriöse Unterkunft. 5 Kilometer vor Santiago finde ich hier ein ganz im Stil der Region gebaute Anlage vor. Natursteinmauern, kombiniert mit Stahl und Holz laden ein noch einmal Ruhe zu finden. Ich freue mich und kann es kaum erwarten so bequem die letzte Nacht zu verbringen.  Doch dazu soll es nicht kommen, der Preis schreckt mich mehr als ab. Sicher ich hätte ein Einzelzimmer gehabt und sicher die Anlage ist toll, modern, die Speisekarte mit den leckersten Spezialitäten bestückt. Doch der Preis hat es auch in sich. 40-€ soll diese Nacht kosten und das ohne Frühstück oder Abendessen.  Schade…ich schnaufe einmal kurz und steige auf mein treues Gefährt und setzte meinen Weg fort.

Knapp 2 Kilometer hinter Vilamaior passiere ich den TV Sender Galicia und anschließend TV Espania. Nun folge ich den Schildern Monte do Gozo und gelange so bald nach San Marcos. Neben der Kapelle San Marcos und dem Denkmal, das an den Besuch von Papst Johannes Paul des II. erinnert, bietet sich auch für den Pilger des 21.Jh. ein erster Blick auf das ersehnte Jakobspilgerziel. „Berg der Freude” auf 370 m Höhe. Aber nur von einem  ganz bestimmten Punkt kann der Pilger den Dom erblicken. Dort steht ein Monument mit 2 Pilgern. Der Weg dorthin hat sich gelohnt, auch wenn bei meiner Reise die Bronzefiguren gerade restauriert wurden.

Die Pilgerherberge ist ein gigantischer Pavillon-Komplex mit Hotel-Zimmern. Hier finden in der Hauptsaison bis zu 800 Pilger ein Bett. Der angrenzende Campingplatz fasst weiter gut 1200 Pilger. Ein Pavillon dient als Jugendherberge, andere als Pilgerherberge. An der Plaza gibt es ein Restaurant, eine Cafeteria, eine Bar, Sanitätsstation, sogar ein Münz Waschsalon.

In einem 8-Bett Zimmer finde ich ein Bett für die Nacht und zahle gerade mal 5€. Mein Weg kommt heute hier zur Ruhe mit dem Blick auf Santiago erfreue ich mich an der Nachmittagsonne und bemerke meine Müdigkeit.

Estoy cansada!

Tagesprotokoll, 20 km davon zu Fuß

38,15 km;5:38:08;Æ 6,77 km/h; max. 40,14km/h; 2153 kcal; Puls Æ110bpm; max. 166bpm

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4 Kommentare leave one →
  1. Mai 31, 2011 9:58 am

    das alleine wäre mir schon mehr als eine herausforderung: die nächte in gemischten mehrbettzimmern zu verbringen.
    großen respekt, auch dafür!

    • Juni 1, 2011 6:19 am

      Ach, die Herbergen sind meist besser als ich erwartet habe. In einer der schönsten modernsten Herbergen habe ich einen Floh als Bettgenossen gehabt. 😀

  2. Juni 1, 2011 8:05 am

    jetzt habe ich doch noch mal genauer gelesen, besonders die geschichte über max. wahrscheinlich sind es diese begegnungen – die im alltag in unserer hetze niemals möglich wären -, die solch eine reise ausmachen und die einen bereichern. schön, dass du dich darauf einlassen konntest (auch wenn jetzt alles schon wieder so weit weg sein wird.)

Trackbacks

  1. La Soñadora « In der Welt zu Gast

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