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Muscheln und gelbe Pfeile

Mai 30, 2011

Folge den gelben Pfeilen

Die heutige Etappe ist wirklich sehr schön. Die Sonne meint es gut und scheint den ganzen Tag. Nach der turbulenten Mittagspause geht es weiter auf Feldwegen oder parallel zu den Asphaltstraßen immer wieder kräftig bergauf und bergab, in Bachauen. Durchquere noch mal kleinere Ortschaften welche malerisch meinen Weg säumen, tauche ein in von Ginsterhecken gesäumten Hohlwegen, Pappelwälder mit schattigen Waldwegen. Folge stets den Caminosteinen, welche unerlässlich, Kilometer für Kilometer, die Strecke welche der Pilger nach Santiago zurücklegen muss, runterzählen. Ich fahre durch dichte Eichen- und Eukalyptuswälder, überquere abenteuerliche Bäche auf Steinstegen oder rolle auf sandigen Wegen meinem Ziel entgegen.

Der Camino führt uns dahin immer gen Westen, den Pfeilen nach, den Muscheln. Alles was Gelb ist fällt uns ins Auge. Manch ein Spanier streicht sein Haus, wenn es am Camino steht gerne in diesem Farbton. Schließlich sind die Spanier stolz auf das Grab des heiligen Apostels. Die Speisekarten der kleinen Bars sind verziert mit ebensolchen Zeichen, die private Pension wirbt um ihre Schläfer für eine Nacht mit gelben Zetteln und auch die Blumen am Wegesrand, so glaubt man, wählen vorrangig die Farbe gelb.

Auf der Zielgeraden meiner Etappe so kurz vor Santiago ist es nicht anders. Noch ein zwei, mit Eukalyptus bepflanzte Hügel muss ich bezwingen um auf teilweise sehr steilen Schotterwegen nach Ribadiso abwärts zu fahren. Das direkt an einer Bachaue liegende ehemalige Pilgerhospiz ist wunderschön, liebevoll restauriert und als Herberge hergerichtet. Beim Anblick der Herberge in Ribadiso de Baixo bleibe ich vor der Brücke stehen und bewundere dieses schöne Anwesen. Die Kombination von Brücke und Pilgerhospiz, wie ich sie hier sehe, ist charakteristisch für den Jakobsweg. Die Brücke ist mittelalterlichen Ursprungs, während die Ruinen des alten Hospitals aus dem 16.Jh. stammen. Gleich an der Brücke befindet sich heute wieder die Pilgerherberge. Neu restauriert, die Farben leuchten frisch und kräftig in der Sonne. Das Gelände mit seinen Gebäuden ist so authentisch für diese Region und doch modern. Der Boden auf dem Hof ist mit dicken Steinen gepflastert. Es gibt verschiedene Nebengebäude welche die Duschen, Toiletten und die Waschmaschinen beherbergen. Ein Gebäude fasst einen geräumigen Speisesaal mit einem schönen alten offenen Kamin, direkt daran geht es in eine moderne Küche. Eine große Kochinsel mitten im Raum mit 4 Kochstellen, Backöfen und viel Arbeitsfläche. Was jedoch auffällt ist das sich hier keine Töpfe oder sonstige Gebrauchsgegenstände zum Kochen  befinden. Theoretisch ist das Kochen zwar möglich, praktisch jedoch nicht. Denn welcher Pilger schleppt schon auf dem Weg zum Apostel Töpfe Pfannen oder Messer mit? Später erfahre ich dass der Pilgerherbergsvater dieses Anwesen liebevoll pflegt und führt, jedoch ebenfalls der Eigentümer der benachbarten Bar ist. Diese Bar ebenfalls modern ausgebaut hat eine große Speisekarte. Frühstück, Pilgermenü und Spezialitäten der Region werden zu fairen Preisen angeboten. Warum also selbst kochen, auch wenn ich es gewollt hätte bliebe mir nichts anderes als in der Bar zu speisen. Ein geschäfttüchtiger Mann der Herbergsvater.

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Ich beziehe mein Bett. Wieder schlafe ich in luftiger Höhe. Mein Bettlaken ist ein Einmaltuch, welches ich verschweißt bei meiner Anmeldung mit dem Stempel in meinem Pilgerpass ausgehändigt bekomme. Der Schlafraum ist schön, verschiedene Ebenen machen den großen Raum gemütlich. Alles ist schön sauber, zahlreiche Steckdosen und Ablageflächen stehen zur Verfügung. Nach einer angenehmen Dusche lasse ich meine Füße genüsslich im kalten Wasser des Baches baumeln. Die Sonne wärmt mich und meine Stimmung könnte besser gar nicht sein. Ist das schön hier. Wahnsinn. Ich bin glücklich. Mir geht es prima. Was habe ich doch für ein Glück genau diesen Moment hier genießen zu dürfen. Es ist so schön auf der Welt zu sein.

Den Nachmittag verbringe ich mit lesen, schreiben, herum schlendern, Wäsche waschen und dösen. Nach und nach füllt sich Herberge. Wie immer sind es zu 98% Fußpilger welche meine heutigen Bett Nachbarn sein werden. Ich hoffe doch dass sich der Anteil an Schnarchnasen jedoch in Grenzen hält.

Mein Magen beginnt zu knurren, ich habe schon am Nachmittag einen Blick auf die Speisekarte der Bar geworfen und meinen Favoriten gewählt.  Als ich um die Ecke schlendere erwartet mich eine Überraschung. Die Terrasse der Bar ist voll, alle Tische sind belegt. Wo kommen die denn auf einmal alle her? Ich traue meinen Augen nicht und halte Ausschau nach einem Platz für mein Abendessen. An einem Vierer Tisch ist noch ein Plätzchen frei. Das junge Mädchen welche dort mit einem mir noch unbekannten Pärchen sitzt, habe ich bereits am Bach kennengelernt. Sie kommt aus Korea und pilgert mit ihren 18 Jahren ganz alleine. Sie winkt mich freundlich zu sich und stellt mich vor. Da sitze ich nun an einen Multikultitisch. Eine Koreanerin, ein französisches Pärchen und ich die blonde Radpilgerin die auch diesen Beiden bereits auf der Strecke aufgefallen ist. Ich komme mir ein bisschen vor wie in dem Spiel „Cafe International“. Das Essen ist schnell bestellt, das Bier ist schön kühl und die Unterhaltung köstlich. Ich verstehe sogar die Franzosen, traue mich jedoch nicht ein Wort meines verschüttenden französischen Sprachschatzes hervor zu holen um auf ihrer schönen Sprache zu antworten. Mein Englisch muss reichen. Es geht tatsächlich, auch wenn mir die englische Grammatik völlig abhanden gekommen ist.

Nachdem Essen werde ich von drei Herren, kurz vor dem Rentenalter zu einem Glas Wein eingeladen. Auch diesen Pilgern bin ich auf dem Weg zu unserem Nachtlager aufgefallen. Sie interessieren sich für meine Pilgerreise, stellen mir Fragen zum Rad, dem Transport und der Strecke. Ich komme mir vor wie ein Paradiesvogel. Die Unterhaltung ist freundlich, die Herren verstehen sich anscheinend ausgezeichnet und so wird eine Flasche galizischen Wein nach der anderen entkorkt und von den Herren geleert. Ich belasse es beim einem Glas und verabschiede mich nicht ohne eine gute Nacht und dem Pilgergruß „Buen Camino“ zu wünschen. Die Trinkgesellschaft wechselt nun an die Theke um dort noch einen oder mehrere (?) Absacker zu kippen.

Tagesprotokoll:

44,86 km; 3:31::37; Æ 12,71 km/h; max. 54,5; 1824 kcal; Puls Æ 128 bpm; max. 171 bmp

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