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Ein fremder Pass

Mai 10, 2011

Dienstag 27.04.2010

So ungerne wie ich diese luxuriöse Herberge verlasse, so sehr freue ich mich auf den Weg der vor mir liegt. Gonzar wird mir sicherlich ebenso in Erinnerung bleiben wie das dreistöckiges Etagenbett in Viiana.

Der Camino führt mich kurz auf die kleine Straße welche den Ort in zwei Hälften teilt. Gonzar ist nicht schön, ein typisches Straßenörtchen, ein paar Häuser, eine Kneipe, zwei Herbergen und zahllose Hunde. Unmittelbar nach dem Ort geht es links auf einen Weg, der nach wenigen Metern rechts auf eine Piste abzweigt. Bei Castromajor geht es wieder auf einer Asphaltstraße steil bergan die ich aber schnell eintausche gegen den parallel dazu verlaufenden Trampelpfad neben der Straße. So führt mich mein Weg weiter nach Hospital de la Cruz, sanft senkt sich der Weg in die Bachaue des Ligonde. Ich durchquere Weiler mit schönen Namen wie Prebisa, Lameiros oder eben Ligonde. Die malerischen Straßen führen mich zu der sehenswerten Kirche von Vilar de Donas. Hier fülle ich meine Trinkflasche an einem der zahlreichen Brunnen auf und genieße die Ruhe die dieser Ort ausstrahlt.

Meine Route ist wie immer gut ausgeschildert, die gelben Pfeile weisen mir rechtzeitig den Weg und die zahlreichen Muscheln an den Häuserwänden, den Geländern sind nicht zu übersehen.

Weiter geht es nach Palas de Rei, der klangvolle Name hat jedoch nichts Königliches. Hier gibt es auch keinen Palast oder sonstige historische Monumente die sehenswert wären. Der Ort hat seine Bedeutung der Tatsache zu verdanken das er Zwischenstopp auf der Reiseroute nach Santiago ist. Man erzählt sich allerdings Geschichten über die Dienstmägde der Wirtsleute von Pals deRei, welche aus Spaß an der Verführung und auch um Geld zu verdienen, nachts, auf Eingebung des Teufels, in die Betten der Pilger gestiegen sind. Sicherlich kam das anderer Orts auch vor, doch hier wird bereits in einem mittelalterlichen Pilgerführer darauf hingewiesen.

Ich fahre bergab durch einen typischen Hohlweg und erreiche bald über einen Kiesweg  Casanova.

Hier zücke ich meinen Pilgerpass und freue mich auf einen weiteren schönen Stempel in meiner Sammlung. Oft sind die Stempelstellen in Kirchen zu finden, auch der Gemüsehändler oder die Dorfkneipe sind berechtigt die Nachweise auszuhändigen. Hier in Casanova, steht an einem Tor eines Bauernhofs ein alter Tisch. Eine Vase steht darauf mit frisch geschnittenen Wiesenblumen, der Stempel und das dazugehörige Stempelkissen sind mit einer Kette am Tor befestigt und das beiliegende Buch läd zum stöbern ein wer sich denn hier so seinen Stempel abgeholt hat. Ich verweile einen kurzen Moment, lese in dem Buch und hoffe insgeheim einen Eintrag von Hape Kerkeling oder einem anderen Promi zu finden. Stattdessen finde ich einen Pilgerpass.

Der Pilgerpass ist auf der Pilgerreise das wohl wichtigste Dokument eines Pilgers. Er berechtigt dich in den Refugien zu nächtigen, du erhälst bei vielen Gastwirten ein preiswertes Mittagsmenü und eben mit den entsprechenden Nachweisen das du als Fußpilger mindestens die letzten 100, als Ragpilger die letzten 200 Kilometer am Stück gepilgert bist, deine „Credicial“ in Santiago de Compostella.

Dieser Pilgerpass gehörte einem gewissen Fernando, ein spanisch sprechender Radpilger welchen ich zum ersten Mal in Villafranca begegnet bin. Ein kleiner dunkelhaariger, stark übergewichtiger roter Blitz. Na ja er trägt rote Kleidung und erinnert sehr an eine Billardkugel.  Noch vor wenigen Stunden traf ich ihn wieder. Beherzt trat er in die Pedal und entschwand meiner Sicht. Ich lasse ihn ziehen, da ich keine Lust auf eine gemeinsame Fahrt habe. Hier in Casanova finde ich also diesen Pass und entschließe mich ihn mitzunehmen, schließlich trifft man sich immer wieder. Ich halte Ausschau auf meiner heutigen Spazierfahrt. Nichts eilt mich, nichts hetzt mich, ich genieße!

Über einen Kiesweg verlasse ich Casanova und fahre anschließend auf einen von Hecken gesäumten Feldweg um ein wieder mal atemberaubendes Wiesental zu durchqueren. Mit der Landschaft ist das so eine Sache. Sobald ich die Städte oder bei kleineren Ortschaften die Asphaltstraße verlasse und rechts oder links eintauche ins spanische Land bin ich verzaubert. Urwüchsig kommt die Natur daher, Spuren der Geschichte sind sichtbar, Hohlwege, Steinmauern, Grenzsteine, Wildwuchs oder Agrarflächen lassen mir viel Luft zum Atmen. Pilger begegnen mir immer sehr wenige, nun da für viele das Ziel so nah ist erhöht sich das Aufkommen und dennoch habe ich Platz und Luft meinen Weg zu fahren. Körperlich und geistig bin ich frei, losgelöst von Alltagsproblemen. Hier bin ich ganz ICH. Nicht zählt als der Moment.

Ab und zu führt mich der Camino in die Ortschaften, ich überquere eine kleine Spitzbogenbrücke, genieße den Duft des Pappelgesäumten Weges, tauche ein in schattige Waldwege und durchquere das wildromantische Furelos. Vor mir liegt nun Melide, ein im Mittelalter bekannter Handelsort der mit seinen schönen alten Adelshäuser in der Altstadt zum verweilen einlädt. Die Neustadt drum herum ist wieder einmal hässlich, zu groß zu laut. Ich kaufe mir mein Brot und die typische Hartwurst, ein Stück Käse, fülle meine Trinkflasche auf um bei einer kleinen Kirche kurz hinter Melide meine Mittagspause zu zelebrieren.

Ich habe sie tatsächlich gefunden.

Ohne danach gesucht zu haben,

die Gelassenheit.

Zufrieden mit mir und dem Weg sitze ich gedankenlos auf einer Steinbank. Ein paar Pilger kommen vorbei, grüßen kurz und setzen ihren Weg fort. Eine alte Frau putz ihre kleinen Fenster , die Katzen in dieser Idylle liegen auf den Straßen und recken sich der frühen Frühlingssonne entgegen. Ein Hund bellt.

Plötzlich durchbricht tiefes Geschnaufe die Stille, ein roter Blitz taucht hinter der Ecke auf. Fernando findet mich, sichtlich gehetzt ohne Gepäck. Er ist so in Fahrt als er mich sieht, dass er nicht bremsen kann und tatsächlich über den Lenker absteigt. Ein Salto. Etwas belämmert sitzt er auf dem Boden vor mir.

Kaum wieder auf den Beinen bricht ein Schwall spanischer Schimpfworte über mich herein. Mich bringt nichts aus der Ruhe:

  1. Ich verstehe NIX.
  2. Ich bin mir keiner Schuld bewusst
  3. Ich bin die Ruhe selbst

Den von mir wohlgehüteten Pilgerpass meines spanischen Mitpilgers ziehe ich aus meiner Lenkertasche und über gebe ihm dem Eigentümer. Fernando noch immer schnaubend, mit Tränen in den Augen wirbelt sichtlich nervös über den Platz der kleinen Kirche. Endlich habe ich die Chance überhaupt gehört zu werden. Ich erkläre ihm auf Englisch, da mir keine spanischen Vokabeln einfallen, was meine Absicht war. Gutgemeint ist oft nicht gut, das wird mir bewusst beim Anblick des Spaniers. Meine Entschuldigung tut er mit einer Handbewegung ab. Ich lasse ihn ziehen, zurück, wo immer er seinen Verlust bemerkt und sich dem Gepäck zur schnelleren Fahrt entledigt hat.

Ich werde ihn Wiedersehen  ganz gewiss!

Fazit:

Ich habe ein Teil Gelassenheit gefunden!

Ribadiso de Baixo

Die heutige Etappe ist wirklich sehr schön. Die Sonne meinte es gut und schien den ganzen Tag. Nach der turbulenten Mittagspause geht es weiter auf Feldwegen oder parallel zu den Asphaltstraßen immer wieder kräftig bergauf und bergab, in Bachauen. Durchquere noch mal kleinere Ortschaften welche malerisch meinen Weg säumen, tauche ein in von Ginsterhecken gesäumten Hohlwegen, Pappelwälder mit schattigen Waldwegen. Folge stets den Caminosteinen, welche unerlässlich, Kilometer für Kilometer, die Strecke welche der Pilger nach Santiago zurücklegen muss, runterzählen. Ich fahre durch dichte Eichen- und Eukalyptuswälder, überquere abenteueliche Bäche auf Steinstegen oder rolle auf sandigen Wegen meinem Ziel entgegen. Noch ein zwei , mit Eukalyptus bepflanzte Hügel muss ich bezwingen um auf teilweise sehr steilen Schotterwegen nach Ribadiso abwärts zu fahren.

Das direkt an einer Bachaue liegende ehemalige Pilgerhospiz ist wunderschön, liebevoll restauriert und als Herberge hergerichtet. Dieses gemütliche Refugio wird diese Nacht meine  Unterkunft sein.

Tagesprotokoll:

44,86 km; 3:31::37; Æ 12,71 km/h; max. 54,5; 1824 kcal; Puls Æ 128 bpm; max. 171 bmp

Rotenplanung für Tag 14:

Ribadiso de Baixa à Arzúra (2,6) à Sta. Irene (19,3) à Lavacolla (31,5) à Vilamaior (30,6)

Angestrebte Herberge ist die 10 Kilometer vor Santiago liegende private Unterkunft „Casa de Amancio

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2 Kommentare leave one →
  1. Mai 10, 2011 8:29 pm

    Kommen auch wieder mal Bilder?

  2. Mai 20, 2011 6:58 am

    Sehr schön beschriebene Reise. Animiert dazu den Pilgerweg in die eigenen Planungen aufzunehmen. Gruß Michael

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