Skip to content

Juni 1, 2011

La Sonadora

Meine Reise mit dem Mountainbike ans Ende der Welt

gestartet in Pamplona am 14. April 2010 – Ankunft in Santiago 29. April – Weiterfahrt ans Ende der Welt – Heimflug 7. Mai 2010

Advertisements

Kurz vorm Ziel

Juni 2, 2011

Monte do Gozo

Diese Pilgerherberge ist wirklich verdammt groß. Sie liegt am Hang mit Blick auf die Stadt. Die Gebäude sind in Reihen an den Berg gebaut, zwei liegen sich immer gegenüber. Dazwischen ist ein breiter gepflasterter Weg. Terrassenförmig bildet dieser Komplex verschiedene Ebenen.  Der breite Weg läuft zu einem großen Hauptplatz bergabwärts, dort wo die Versorgungsgebäude stehen.

Jetzt zu Beginn der Saison, ist das oberste linke Gebäude als Pilgerherberge geöffnet. Das ca. 200 Meter lange und 10 Meter breite Gebäude hat einen Empfangsbereich mit Pinnwand und großem Schuhregal. Eine Küche, Aufenthaltsraum, Waschräume und durch Schiebetüren vom Flur getrennte 8 Bettzimmer. Allein dieses Gebäude fasst 240 Pilger.

Am Abend vor dem Ziel lasse ich die zurückgelegte Strecke Revue passieren. Der Camino war meistens sehr schön, die Landschaft beeindruckend und das Wetter stabil. Kein Regen, ein paar Tröpfchen aber mehr nicht. Am Morgen war es immer noch sehr frisch aber ansonsten schönstes Frühlingswetter so gar nicht April! Bis auf ein Teilstück an einer Autobahn, bei dem ich sehr froh war mit dem Fahrrad fahren zu dürfen, da ich so schneller wegkam, beneidete ich die Fußpilger. Ihre Gelassenheit stellte sich sicher schneller ein als bei mir. Doch mein Camino ist ja noch nicht zu Ende, schließlich will ich bis ans Ende der Welt. Bis nach Fisterra. Und das sind noch einmal ab Santiago 2 Tagesetappen, bis nach Muxia eine weitere und zwei wieder nach Santiago zurück. Ich habe also noch Zeit meine Gelassenheit zu stärken.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Auch auf dem Camino trifft man sich immer zweimal, mindestens. Auch als Radpilger ergeht es mir nicht anders. Mit einem Becher Automatenkaffee sitze ich vor dem Gebäude. Der Fahrradständer füllt sich. Meistens sind es Trekkingräder, Citybikes sogar ganz einfache alte Schätzchen stehen da als Gefährten der Pilger. Doch eins kommt mir verdammt bekannt vor. Das graue „Orbea“ mit den viel zu großen Packtaschen ist mir schon oft begegnet, wenn auch das letzte Mal ohne Gepäck. Der rote Blitz ist also auch angekommen und möchte die letzte Nacht bevor er seine wohlverdiente Credicial in Empfang nimmt, hoch über der Stadt nächtigen. Ich halte Ausschau nach Fernando, werden seine Augen noch immer blitzen, oder wird er sich beruhigt haben wenn er mich sieht?

Immer neue Wanderer erreichen die Herberge. Ich schaue in die Gesichter  und sehe neben der Anstrengung immer auch ein Lächeln.  Hier treffen nun spätestens alle Wege auf einander.

Die verschiedenen Wege zum Apostelgrab

Camino Frances; Von den Pyrenäen sind es etwa 800 Km, bis zum Apostelgrab des hl. Jakobus.

Camino del Norte
 Ein Teil des Küstenweges ist der „Primitive“ Jakobsweg – er ist der älteste aller Pilgerwege in Spanien. Der Pilgerweg führt von Oviedo über Lugo bis zum Ziel, das Apostelgrab des hl. Jakobus.

Caminho Portugues
Mehrere Pilgerwege führen durch Portugal. Der bekannteste startet in Lissabon über Fatima, Coimbra, Porto, Braga, Valença do Minho, Tui, Pontevedra, Padrón, bis zum Ziel.

Via de la Plata
Die Via de la Plata war eine alte Römerstrasse von Sevilla über Mérida nach Astorga. Heute starten viele Pilger in Sevilla auf über 900 Km. um das Ziel zu erreichen: das Apostelgrab des hl. Jakobus.

Camino de Levante
Der Camino de Levante vom Mittelmeer nach Santiago, 1.200 km  zu Fuß, ein Pilgerweg auf historischen Pfaden. Start in Valencia mit der Variante über Astorga oder Ourense bis Santiago.

Ruta de la Lana
Die Ruta de la Lana verläut von Monteagudo über Salmeròn und dem Kloster Silos nach Burgos, und verbindet sich dort mit dem Camino Frances. Dieser Pilgerweg hat bis Burgos eine Gesamtlänge von 375 Km.

Camino Fonseca
Der Camino Fonseca verläuft von Salamanca über Zamora, Ourense, Monasterio de Oseira nach Santiago de Compostela. Er hat eine Länge von bis zu 505 Km je nach Variante.

Camino Inglés
Der Camino Inglés verläuft von Ferrol über Neda und Miño nach Bruma. Hier trifft er mit der anderen Variante die von A Coruña kommt zusammen. Von hier aus geht es über Sigüeiro nach Santiago de Compostela. Das Ziel wie immer, ist das Grab des hl. Jakobus.

Frisch geduscht steht auf einmal Fernado vor mir. Er nickt mir zögerlich zu und verschwindet mit einer Einkaufstüte in der Herberge.  Frisch geduscht ohne Radklamotten sieht der Spanier nicht ganz wie eine Billardkugel aus. Die Farbe seines T-Shirts ist etwas dezenter als das knallige Rot seines Trikots.

Wie so oft mache ich mir meine Gedanken zu den Menschen die ich bisher getroffen habe. Wo kommt er her, welchen Beruf übt er aus, hat er Familie, Warum begibt er sich auf eine Pilgerreise?

Als ob er meine Fragen gehört hätte steht er auf einmal wieder vor mir.

F: „Hola! Qúe tal?“

„Hallo wie geht’s?“

Ich: „Muy bien!….Me llamo Yona! Qúe tal?“

„Sehr gut, mein Name ist Yona!“

F: „Mucho gusto! Mi nombre es Fernado!“

„ Mein Name ist Fernado!“

Ich: „Ya los sé. Su nombre estaba en la credicial!“

„Ich weiß, dein Name stand in deinem Pilgerpass!“

Fernado lächelt und erzählt mit  einfachen spanischen und englischen Vokabeln seine Geschichte.  Er kommt aus Barcelona und arbeitet dort bei einer Softwarefirma. Seine Reise begann auch dort, sein Weg zum heiligen Apostel führte ihn über die Via de la Plata und dem Camino Francés hier her nach Santiago.  Er ist bereits seit 4 Wochen unterwegs und scheint über das Ende seiner Reise gar nicht glücklich zu sein. Obwohl er diese Reise nicht freiwillig antrat spürt er nun Wehmut dass er sein Ziel erreicht hat. Ich frage nach. Nicht freiwillig?

„Si!“ In seiner Firma stehen Beförderungen an. Um nun eine dieser beliebten Stellen zu bekommen, hat sein Chef ihn auf diese Pilgerreise geschickt. Er wurde für den Zeitraum von 5 Wochen freigestellt um nach Santiago zu pilgern. Erreicht er sein Ziel und kommt mit der begehrten Urkunde zurück, darf er auf eine bessere, gut bezahlte Stelle im Unternehmen hoffen.

Krass, ein Chef schickt seine Mitarbeiter zur Selbstfindung auf Pilgerfahrt. Diese Praktik ist in Spanien durchaus üblich. Die gläubigen Katholiken pilgern nicht aus sportlichen  Gründen zum Grab des Apostels. Sie erhoffen sich, wie auch ihre Vorfahren im Mittelalter auf diesem Weg die Erleuchtung und die Vergebung ihrer Sünden. Als er so kurz vor dem Ziel seinen Pilgerpass verloren hat, brach eine Welt zusammen, sollte all die Mühe umsonst gewesen sein? Die Strapazen der Fahrt vergebens! Seine Hektik, seinen Frust auf der Suche nach dem Pass kann ich nun gut verstehen. Für Fernado ist die Urkunde welche er morgen erhält ein Stück Zukunft!

Fernado und ich essen gemeinsam. Er hat bereits eingekauft und wir genießen in der Sonne weiße Bohnen mit Cabanossi Würstchen und Ei. Appetitlich sieht das Mahl nicht aus aber es schmeckt wunderbar! Dazu gibt es gutes holländisches Bier.

Der Tag kommt auch hier zur Ruhe noch einmal wasche ich meine Trikots und die Socken. Ich stinke entsetzlich in den Klamotten, so sehr das ich mich selbst nicht mehr riechen mag.

Ich hoffe auf eine ruhige Nacht und sehe der morgigen Etappe mit gemischten Gefühlen entgegen.

Erkenntnis des Tages:

Ein Stück Paper kann Zukunft bedeuten!

Wer sein Rad liebt–> schiebt!

Mai 31, 2011

Eine aufregende Nacht und ein langer Fußmarsch

Mittwoch 28.04.2010

Wo der Weg zur Ruhe kommt das ist der Ort an dem du schläfst.

Die Albergen am Rande des Weges sind sehr unterschiedlich. Teilweise einfache Häuser ohne Heizung, traditionelle Bauten oder moderne Zweckbauten, liebevoll restaurierte alte Bauernhäuser, oder Hospitale. Manchmal fühlt der Pilger sich Zuhause, wird umsorgt, bekocht und verwöhnt.

Das andere Mal wird er abgefertigt und für die Nacht verwahrt.

Wichtig ist das man als Pilger seine Ruhe findet und Kraft schöpft für den kommenden Tag

Die Drei von der Trinkgesellschaft kommen auf jeden Fall nach der allgemeinen Speerstunde in die Herberge, wie gut das der Herbergsvater ihr Gastgeber war und dieses Geschäft gerne mit ihnen tätigte. Ein kleiner Tumult im Schlafraum doch dann herrscht Stille bis es anfängt. Dieses Stöhnen. Keine Schnarchen, nein, ein Stöhnen, SEX? Der Schlafraum erwacht zum Leben. Verschiedene Sprachen rufen zur Ruhe, doch nichts passiert, nein ganz im Gegenteil das Stöhnen wird lauter, kräftiger, die Rufe drohender. Gelächter erfüllt den Raum der Schläfer wird nachgeäfft doch nix passiert. Da der Raum nicht völlig dunkel ist und ich mich bereits gut an die Dunkelheit gewöhnt habe sehe was nun passiert. Der Bettnachbar hält es anscheinend nicht mehr aus, steigt aus dem Bett und verpasst seinem Bettsozius einen festen Schlag ins Gesicht. Erst jetzt sehe ich das es sich um die Trinkgesellschaft in der Bar handelt. Es müssen auch mehr als nur ein Schlag gewesen sein, augenblicklich ist das Stöhnen verklungen und der geschlagene sitzt blutüberströmt auf seinem Bett. Mittlerweile ist keiner der 56 Pilger mehr im Bett. Eine Schweizer Krankenschwester behandelt den Verletzten und wir richten ihm ein Nachlager im  Nebengebäude, er bekommt eine Wache dazu so dass nun für die unbeteiligten Pilger die Hoffnung auf etwas Ruhe aufkommt.

Keiner urteilt, keiner droht dem Täter, keiner hat auch nur allzu viel Mitleid mit dem Opfer.

Angekommen sind wir vor Stunden, als der Weg zu Ende war, zu Ruhe kommen wir erst spät in der Nacht.

Manch ein Pilger beendet seine Nacht wieder früh. Die Nachtpilger stellen unangenehme Wecker, lassen Handys klingeln und brechen nach viel Geraschel und Gepolter sehr früh auf. Vereinzelt schon um 4 Uhr morgens. Doch der größte Teil beendet die Nachtruhe um 6 Uhr, packt und macht sich auf den Weg.

Ich habe Zeit. Genieße meine morgendliche Gelassenheit und schlafe oft bis der Raum wieder leer ist. In Ribadiso nächtigt unter mir ein blonder Mann aus München. Im allgemeinen Aufbruch packt auch er seinen Rucksack um seinen Weg weiter fort zu setzten. Er brummelt leise vor sich hin. Ich hebe meinen Kopf und lausche.

„Scheiß Camino, wozu tut man sich das an, hoffentlich ist das bald vorbei……son Scheiß……“

Max hat Durchfall, seit 2 Tagen quält ihn Montezumas Rache, seine Moral ist am Ende. Später werde ich ihn wiedertreffen und darf ihn ein Stück begleiten.

Zum Frühstück gibt es mal wieder einen großen Cafe Leche dazu habe ich hier in dieser luxuriösen Herbergsbar  eine große Auswahl. Ein Brötchen mit Marmelade muss reichen, Wurst und Baguette für mein zweites Frühstück hab ich noch von meiner gestrigen Etappe im Rucksack. Ich lasse mir wie immer Zeit mit dem Aufbrechen, genieße die Ruhe der Herberge um mein Rad startklar zu machen. Überprüfe Luftdruck, ziehe die Schrauben meines Gepäckträgers nach öle die Kette und mache mich erst gegen halb neun auf meinen Weg gen Westen.

Gleich hinter der Herberge geht es über einen steilen Anstieg zur N-547 welche ich rechts liegen lasse und dem Schotterweg parallel dazu folge. Nun bin ich wach, bis Arzúa trifft mich noch ein kleiner aber sehr bissiger Anstieg. Auf insgesamt 3 Kilometer Wegstrecke überwinde ich so 85 Höhenmeter, doch 50 davon auf gerade mal gefühlten 500 Metern. Hinter Arzúra geht es nun abwärts durch Gemüsegärten und Wiesen zur Bachaue von As Barrosas. Immer wieder bergauf und bergab ereiche ich Raido, unterquere die Nationalstraße und trete direkt wieder hart in die Pedale um das kurze Stück der Asphaltstraße zu folgen. Doch schon bald geht es wieder auf Feldwegen, durch schattige Waldstücke am Wasserlauf des Landrón entlang  bis ich den Eukalyptuswald hinter Tabernavella erreiche. Hier gabelt sich der Weg und ich folge dem Schild einer Bar um Pause zu machen.

In Calle finde ich eine gut ausgebaute Raststätte für die Pilger. Direkt an einem Wasserlauf gelegen, schön in der frühen Sonne rasten hier meine Zimmergenossen der vergangenen Nacht.

Ein großes Hallo, man reicht mir einen Stuhl den ich gerne annehme und bestelle mir einen Cafe Leche, was sonst! Unser Gesprächsthema ist natürlich die Schlägerei der vergangenen Nacht. Niemand hat das Opfer gesehen, ebenso den Täter. Es wird reichlich spekuliert, da ein Spanier auf dem nächtlichen Toilettengang auch die Polizei auf dem Herbergsgelände gesehen hat. Sitzt der Schläger im Gefängnis? Liegt das Opfer womöglich im Krankenhaus? Nichts weiß man und so werden wilde Geschichten erfunden und viel gelacht. Man sieht sich, da sind wir uns alle sicher, in Santiago wieder. Das Ziel was zum greifen nah ist.

Etwas Abseits sitzt Max, in sich versunken mit einem dampfenden Tee vor sich. Er ist blass und verdammt dünn! Ich gehe zu ihm und frage ihn ob es besser geht, schließlich habe ich unfreiwillig seinem Gefluche von heute morgen zugehört und bin zugegebener Maßen sehr neugierig was genau dahinter steckt.

Max ist Familienvater, er wohnt in der Nähe von München. Als Ingenieur verdient er ganz gut und kann sich so mit seinen beiden Töchtern und seiner Frau ein Häuschen leisten. Doch in den letzten Jahren drehte sich alles um Geld verdienen, Kinder kriegen, Haus bauen, Werte schaffen, gut da stehen dem Schwiegervater imponieren, dem Chef imponieren, die vermeintliche Konkurrenz ausschalten……es folgte ein Zusammenbruch. Ein Kollaps, ein Burn Out. Statt Psychopharmaka zu schlucken entschied sich Max für die Pilgerreise und war bis vor wenigen Tagen auch noch sehr glücklich und befreit von all dem belastenden Alltag den er doch hinter sich gelassen hatte.  Seine Geschichte fesselt mich so sehr das ich mich dazu entschließe ganz nach dem Motto „Wer sein Rad liebt der schiebt!“, mit Max gemeinsam ein Stück zu gehen. Ich will ihn begleiten, ihm eine Stütze sein, denn zugehört, so Max, hat ihm auf seiner Reise noch niemand. Ich bin die Erste!

Wir verlassen also gemeinsam die kleine Bar und überwinden den nahen Bachlauf auf einen Steinweg. Am Ortsausgang tauchen wir für wenige Meter ein in einen schlammigen Hohlweg und bekommen so leicht nasse Füße. Auf Schotterwegen geht es weiter Richtung Boavista über Salceda vorbei am Gedenkstein für einen verstorbenen Pilger mit dem schönen Namen „Guillermo Watt“. So kurz vor dem Ziel auf dem Weg nach Santiago de Compostela verstarb Guillermo, mit 69 Jahren auf seiner Pilgerfahrt. Von Gott umarmt, wie die Inschrift verheißt, wird er sein Ziel dennoch erreicht haben, hoffe ich, auch ohne, dass ihn seine Füße in die Mauern von Santiago getragen haben. Zu seinem Gedenken haben bereits vor uns viele Pilger Blumen vom Wegesrand gepflückt und niedergelegt. Wir tun es ihnen gleich  und schmücken den Gedenkstein mit Glockenblumen.

Unser Weg führt uns durch schattige Eukalyptuswälder, über Kieswege, auf ruhigen Nebenstraßen unserem Etappenziel entgegen. Max geht es schlecht, er hat Durchfall, oft krampft er  zusammen. Er trinkt viel, doch nur gekauftes Wasser. Den Brunnen traut er nicht mehr, dazu gebe ich ihm Magnesiumtabletten und eine Cola. Auch wenn diese pisswarm ist enthält sie doch Elektrolyte die ihm helfen sollten sein Leiden zu lindern. Meine Gesellschaft tut im gut sagt er und wir unterhalten uns über Gott und die Welt. Doch immer wieder kommen wir auf den Sinn unserer Reise zurück und dem was wir gelernt haben vom Weg.

In Sta.Irene möchte Max seine heutige Etappe beenden und wir halten Ausschau nach der Herberge. Ein Refugio soll es hier geben und mehrere private Unterkünfte. Ein Bad möchte er nehmen, den Rest des Tages in der Sonne schlafen um Morgen fit und gestärkt in Santiago de Compostela einzulaufen. Doch leider ist es gerade Mittagszeit und alle Bewohner des Örtchens scheinen verschwunden zu sein. Noch nicht einmal einen Hund sehen wir. Der Ort ist tot, statt bis zu der an die Tür geschlagene Öffnungszeit zu warten möchte Max nun doch weiter gehen und sein Glück in Ruá versuchen. Dort nimmt sich Max ein Zimmer im Hotel O Pino, wir verabschieden uns von einander und stellen beide fest das die paar Stunden gemeinsamen Gehens, Freunde aus uns gemacht haben. Freunde für einen Tag, die sich ihre Geschichte erzählen durften und lauschten was der andere so zu sagen hatte.

Ich verdrücke ein paar Tränchen und setzte mich nach gut 20 Kilometer Fußmarsch wieder auf mein Mountainbike. Vor mir liegen bis zu meinem Etappenziel noch 15 Kilometer. Beschwingt radele ich auf schönen holprigen Wegen, üppig überwachsenen Hohlwegen, Trampelpfaden und verkehrsruhigen Nebenstraßen meinem Ziel entgegen.

Ich ereiche bald Lavacolla. dort berichtet der mittelalterliche Pilgerführer Aymeric von folgenden:

„Und ein Fluss, Labacolla genannt, weil die französischen Pilger auf dem Weg nach Santiago sich in dem dichtbewachsenen Gelände, durch das er in zwei Meilen Entfernung von Santiago fließt, entkleiden und aus Liebe zum Apostel nicht nur einzelne Teile reinigten, sondern den Schmutz des ganzen Körpers abwuschen“

Was nach der weiten Reise sicherlich von Nöten war und nicht geschadet hat.  Allzu wilden Ausschweifungen bei diesen Großbadetagen beugte man zeitweise mit einem Pilgerverbot für ledige und schutzlose Frauen vor.

Ich komme zügig voran und so erreiche ich auch schon bald mein Ziel welches ich mir gestern Abend gesteckt habe. Vilamaior! Die Herberge Casa de Amancio erweißt sich als luxuriöse Unterkunft. 5 Kilometer vor Santiago finde ich hier ein ganz im Stil der Region gebaute Anlage vor. Natursteinmauern, kombiniert mit Stahl und Holz laden ein noch einmal Ruhe zu finden. Ich freue mich und kann es kaum erwarten so bequem die letzte Nacht zu verbringen.  Doch dazu soll es nicht kommen, der Preis schreckt mich mehr als ab. Sicher ich hätte ein Einzelzimmer gehabt und sicher die Anlage ist toll, modern, die Speisekarte mit den leckersten Spezialitäten bestückt. Doch der Preis hat es auch in sich. 40-€ soll diese Nacht kosten und das ohne Frühstück oder Abendessen.  Schade…ich schnaufe einmal kurz und steige auf mein treues Gefährt und setzte meinen Weg fort.

Knapp 2 Kilometer hinter Vilamaior passiere ich den TV Sender Galicia und anschließend TV Espania. Nun folge ich den Schildern Monte do Gozo und gelange so bald nach San Marcos. Neben der Kapelle San Marcos und dem Denkmal, das an den Besuch von Papst Johannes Paul des II. erinnert, bietet sich auch für den Pilger des 21.Jh. ein erster Blick auf das ersehnte Jakobspilgerziel. „Berg der Freude” auf 370 m Höhe. Aber nur von einem  ganz bestimmten Punkt kann der Pilger den Dom erblicken. Dort steht ein Monument mit 2 Pilgern. Der Weg dorthin hat sich gelohnt, auch wenn bei meiner Reise die Bronzefiguren gerade restauriert wurden.

Die Pilgerherberge ist ein gigantischer Pavillon-Komplex mit Hotel-Zimmern. Hier finden in der Hauptsaison bis zu 800 Pilger ein Bett. Der angrenzende Campingplatz fasst weiter gut 1200 Pilger. Ein Pavillon dient als Jugendherberge, andere als Pilgerherberge. An der Plaza gibt es ein Restaurant, eine Cafeteria, eine Bar, Sanitätsstation, sogar ein Münz Waschsalon.

In einem 8-Bett Zimmer finde ich ein Bett für die Nacht und zahle gerade mal 5€. Mein Weg kommt heute hier zur Ruhe mit dem Blick auf Santiago erfreue ich mich an der Nachmittagsonne und bemerke meine Müdigkeit.

Estoy cansada!

Tagesprotokoll, 20 km davon zu Fuß

38,15 km;5:38:08;Æ 6,77 km/h; max. 40,14km/h; 2153 kcal; Puls Æ110bpm; max. 166bpm

Muscheln und gelbe Pfeile

Mai 30, 2011

Folge den gelben Pfeilen

Die heutige Etappe ist wirklich sehr schön. Die Sonne meint es gut und scheint den ganzen Tag. Nach der turbulenten Mittagspause geht es weiter auf Feldwegen oder parallel zu den Asphaltstraßen immer wieder kräftig bergauf und bergab, in Bachauen. Durchquere noch mal kleinere Ortschaften welche malerisch meinen Weg säumen, tauche ein in von Ginsterhecken gesäumten Hohlwegen, Pappelwälder mit schattigen Waldwegen. Folge stets den Caminosteinen, welche unerlässlich, Kilometer für Kilometer, die Strecke welche der Pilger nach Santiago zurücklegen muss, runterzählen. Ich fahre durch dichte Eichen- und Eukalyptuswälder, überquere abenteuerliche Bäche auf Steinstegen oder rolle auf sandigen Wegen meinem Ziel entgegen.

Der Camino führt uns dahin immer gen Westen, den Pfeilen nach, den Muscheln. Alles was Gelb ist fällt uns ins Auge. Manch ein Spanier streicht sein Haus, wenn es am Camino steht gerne in diesem Farbton. Schließlich sind die Spanier stolz auf das Grab des heiligen Apostels. Die Speisekarten der kleinen Bars sind verziert mit ebensolchen Zeichen, die private Pension wirbt um ihre Schläfer für eine Nacht mit gelben Zetteln und auch die Blumen am Wegesrand, so glaubt man, wählen vorrangig die Farbe gelb.

Auf der Zielgeraden meiner Etappe so kurz vor Santiago ist es nicht anders. Noch ein zwei, mit Eukalyptus bepflanzte Hügel muss ich bezwingen um auf teilweise sehr steilen Schotterwegen nach Ribadiso abwärts zu fahren. Das direkt an einer Bachaue liegende ehemalige Pilgerhospiz ist wunderschön, liebevoll restauriert und als Herberge hergerichtet. Beim Anblick der Herberge in Ribadiso de Baixo bleibe ich vor der Brücke stehen und bewundere dieses schöne Anwesen. Die Kombination von Brücke und Pilgerhospiz, wie ich sie hier sehe, ist charakteristisch für den Jakobsweg. Die Brücke ist mittelalterlichen Ursprungs, während die Ruinen des alten Hospitals aus dem 16.Jh. stammen. Gleich an der Brücke befindet sich heute wieder die Pilgerherberge. Neu restauriert, die Farben leuchten frisch und kräftig in der Sonne. Das Gelände mit seinen Gebäuden ist so authentisch für diese Region und doch modern. Der Boden auf dem Hof ist mit dicken Steinen gepflastert. Es gibt verschiedene Nebengebäude welche die Duschen, Toiletten und die Waschmaschinen beherbergen. Ein Gebäude fasst einen geräumigen Speisesaal mit einem schönen alten offenen Kamin, direkt daran geht es in eine moderne Küche. Eine große Kochinsel mitten im Raum mit 4 Kochstellen, Backöfen und viel Arbeitsfläche. Was jedoch auffällt ist das sich hier keine Töpfe oder sonstige Gebrauchsgegenstände zum Kochen  befinden. Theoretisch ist das Kochen zwar möglich, praktisch jedoch nicht. Denn welcher Pilger schleppt schon auf dem Weg zum Apostel Töpfe Pfannen oder Messer mit? Später erfahre ich dass der Pilgerherbergsvater dieses Anwesen liebevoll pflegt und führt, jedoch ebenfalls der Eigentümer der benachbarten Bar ist. Diese Bar ebenfalls modern ausgebaut hat eine große Speisekarte. Frühstück, Pilgermenü und Spezialitäten der Region werden zu fairen Preisen angeboten. Warum also selbst kochen, auch wenn ich es gewollt hätte bliebe mir nichts anderes als in der Bar zu speisen. Ein geschäfttüchtiger Mann der Herbergsvater.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ich beziehe mein Bett. Wieder schlafe ich in luftiger Höhe. Mein Bettlaken ist ein Einmaltuch, welches ich verschweißt bei meiner Anmeldung mit dem Stempel in meinem Pilgerpass ausgehändigt bekomme. Der Schlafraum ist schön, verschiedene Ebenen machen den großen Raum gemütlich. Alles ist schön sauber, zahlreiche Steckdosen und Ablageflächen stehen zur Verfügung. Nach einer angenehmen Dusche lasse ich meine Füße genüsslich im kalten Wasser des Baches baumeln. Die Sonne wärmt mich und meine Stimmung könnte besser gar nicht sein. Ist das schön hier. Wahnsinn. Ich bin glücklich. Mir geht es prima. Was habe ich doch für ein Glück genau diesen Moment hier genießen zu dürfen. Es ist so schön auf der Welt zu sein.

Den Nachmittag verbringe ich mit lesen, schreiben, herum schlendern, Wäsche waschen und dösen. Nach und nach füllt sich Herberge. Wie immer sind es zu 98% Fußpilger welche meine heutigen Bett Nachbarn sein werden. Ich hoffe doch dass sich der Anteil an Schnarchnasen jedoch in Grenzen hält.

Mein Magen beginnt zu knurren, ich habe schon am Nachmittag einen Blick auf die Speisekarte der Bar geworfen und meinen Favoriten gewählt.  Als ich um die Ecke schlendere erwartet mich eine Überraschung. Die Terrasse der Bar ist voll, alle Tische sind belegt. Wo kommen die denn auf einmal alle her? Ich traue meinen Augen nicht und halte Ausschau nach einem Platz für mein Abendessen. An einem Vierer Tisch ist noch ein Plätzchen frei. Das junge Mädchen welche dort mit einem mir noch unbekannten Pärchen sitzt, habe ich bereits am Bach kennengelernt. Sie kommt aus Korea und pilgert mit ihren 18 Jahren ganz alleine. Sie winkt mich freundlich zu sich und stellt mich vor. Da sitze ich nun an einen Multikultitisch. Eine Koreanerin, ein französisches Pärchen und ich die blonde Radpilgerin die auch diesen Beiden bereits auf der Strecke aufgefallen ist. Ich komme mir ein bisschen vor wie in dem Spiel „Cafe International“. Das Essen ist schnell bestellt, das Bier ist schön kühl und die Unterhaltung köstlich. Ich verstehe sogar die Franzosen, traue mich jedoch nicht ein Wort meines verschüttenden französischen Sprachschatzes hervor zu holen um auf ihrer schönen Sprache zu antworten. Mein Englisch muss reichen. Es geht tatsächlich, auch wenn mir die englische Grammatik völlig abhanden gekommen ist.

Nachdem Essen werde ich von drei Herren, kurz vor dem Rentenalter zu einem Glas Wein eingeladen. Auch diesen Pilgern bin ich auf dem Weg zu unserem Nachtlager aufgefallen. Sie interessieren sich für meine Pilgerreise, stellen mir Fragen zum Rad, dem Transport und der Strecke. Ich komme mir vor wie ein Paradiesvogel. Die Unterhaltung ist freundlich, die Herren verstehen sich anscheinend ausgezeichnet und so wird eine Flasche galizischen Wein nach der anderen entkorkt und von den Herren geleert. Ich belasse es beim einem Glas und verabschiede mich nicht ohne eine gute Nacht und dem Pilgergruß „Buen Camino“ zu wünschen. Die Trinkgesellschaft wechselt nun an die Theke um dort noch einen oder mehrere (?) Absacker zu kippen.

Tagesprotokoll:

44,86 km; 3:31::37; Æ 12,71 km/h; max. 54,5; 1824 kcal; Puls Æ 128 bpm; max. 171 bmp

Ein fremder Pass

Mai 10, 2011

Dienstag 27.04.2010

So ungerne wie ich diese luxuriöse Herberge verlasse, so sehr freue ich mich auf den Weg der vor mir liegt. Gonzar wird mir sicherlich ebenso in Erinnerung bleiben wie das dreistöckiges Etagenbett in Viiana.

Der Camino führt mich kurz auf die kleine Straße welche den Ort in zwei Hälften teilt. Gonzar ist nicht schön, ein typisches Straßenörtchen, ein paar Häuser, eine Kneipe, zwei Herbergen und zahllose Hunde. Unmittelbar nach dem Ort geht es links auf einen Weg, der nach wenigen Metern rechts auf eine Piste abzweigt. Bei Castromajor geht es wieder auf einer Asphaltstraße steil bergan die ich aber schnell eintausche gegen den parallel dazu verlaufenden Trampelpfad neben der Straße. So führt mich mein Weg weiter nach Hospital de la Cruz, sanft senkt sich der Weg in die Bachaue des Ligonde. Ich durchquere Weiler mit schönen Namen wie Prebisa, Lameiros oder eben Ligonde. Die malerischen Straßen führen mich zu der sehenswerten Kirche von Vilar de Donas. Hier fülle ich meine Trinkflasche an einem der zahlreichen Brunnen auf und genieße die Ruhe die dieser Ort ausstrahlt.

Meine Route ist wie immer gut ausgeschildert, die gelben Pfeile weisen mir rechtzeitig den Weg und die zahlreichen Muscheln an den Häuserwänden, den Geländern sind nicht zu übersehen.

Weiter geht es nach Palas de Rei, der klangvolle Name hat jedoch nichts Königliches. Hier gibt es auch keinen Palast oder sonstige historische Monumente die sehenswert wären. Der Ort hat seine Bedeutung der Tatsache zu verdanken das er Zwischenstopp auf der Reiseroute nach Santiago ist. Man erzählt sich allerdings Geschichten über die Dienstmägde der Wirtsleute von Pals deRei, welche aus Spaß an der Verführung und auch um Geld zu verdienen, nachts, auf Eingebung des Teufels, in die Betten der Pilger gestiegen sind. Sicherlich kam das anderer Orts auch vor, doch hier wird bereits in einem mittelalterlichen Pilgerführer darauf hingewiesen.

Ich fahre bergab durch einen typischen Hohlweg und erreiche bald über einen Kiesweg  Casanova.

Hier zücke ich meinen Pilgerpass und freue mich auf einen weiteren schönen Stempel in meiner Sammlung. Oft sind die Stempelstellen in Kirchen zu finden, auch der Gemüsehändler oder die Dorfkneipe sind berechtigt die Nachweise auszuhändigen. Hier in Casanova, steht an einem Tor eines Bauernhofs ein alter Tisch. Eine Vase steht darauf mit frisch geschnittenen Wiesenblumen, der Stempel und das dazugehörige Stempelkissen sind mit einer Kette am Tor befestigt und das beiliegende Buch läd zum stöbern ein wer sich denn hier so seinen Stempel abgeholt hat. Ich verweile einen kurzen Moment, lese in dem Buch und hoffe insgeheim einen Eintrag von Hape Kerkeling oder einem anderen Promi zu finden. Stattdessen finde ich einen Pilgerpass.

Der Pilgerpass ist auf der Pilgerreise das wohl wichtigste Dokument eines Pilgers. Er berechtigt dich in den Refugien zu nächtigen, du erhälst bei vielen Gastwirten ein preiswertes Mittagsmenü und eben mit den entsprechenden Nachweisen das du als Fußpilger mindestens die letzten 100, als Ragpilger die letzten 200 Kilometer am Stück gepilgert bist, deine „Credicial“ in Santiago de Compostella.

Dieser Pilgerpass gehörte einem gewissen Fernando, ein spanisch sprechender Radpilger welchen ich zum ersten Mal in Villafranca begegnet bin. Ein kleiner dunkelhaariger, stark übergewichtiger roter Blitz. Na ja er trägt rote Kleidung und erinnert sehr an eine Billardkugel.  Noch vor wenigen Stunden traf ich ihn wieder. Beherzt trat er in die Pedal und entschwand meiner Sicht. Ich lasse ihn ziehen, da ich keine Lust auf eine gemeinsame Fahrt habe. Hier in Casanova finde ich also diesen Pass und entschließe mich ihn mitzunehmen, schließlich trifft man sich immer wieder. Ich halte Ausschau auf meiner heutigen Spazierfahrt. Nichts eilt mich, nichts hetzt mich, ich genieße!

Über einen Kiesweg verlasse ich Casanova und fahre anschließend auf einen von Hecken gesäumten Feldweg um ein wieder mal atemberaubendes Wiesental zu durchqueren. Mit der Landschaft ist das so eine Sache. Sobald ich die Städte oder bei kleineren Ortschaften die Asphaltstraße verlasse und rechts oder links eintauche ins spanische Land bin ich verzaubert. Urwüchsig kommt die Natur daher, Spuren der Geschichte sind sichtbar, Hohlwege, Steinmauern, Grenzsteine, Wildwuchs oder Agrarflächen lassen mir viel Luft zum Atmen. Pilger begegnen mir immer sehr wenige, nun da für viele das Ziel so nah ist erhöht sich das Aufkommen und dennoch habe ich Platz und Luft meinen Weg zu fahren. Körperlich und geistig bin ich frei, losgelöst von Alltagsproblemen. Hier bin ich ganz ICH. Nicht zählt als der Moment.

Ab und zu führt mich der Camino in die Ortschaften, ich überquere eine kleine Spitzbogenbrücke, genieße den Duft des Pappelgesäumten Weges, tauche ein in schattige Waldwege und durchquere das wildromantische Furelos. Vor mir liegt nun Melide, ein im Mittelalter bekannter Handelsort der mit seinen schönen alten Adelshäuser in der Altstadt zum verweilen einlädt. Die Neustadt drum herum ist wieder einmal hässlich, zu groß zu laut. Ich kaufe mir mein Brot und die typische Hartwurst, ein Stück Käse, fülle meine Trinkflasche auf um bei einer kleinen Kirche kurz hinter Melide meine Mittagspause zu zelebrieren.

Ich habe sie tatsächlich gefunden.

Ohne danach gesucht zu haben,

die Gelassenheit.

Zufrieden mit mir und dem Weg sitze ich gedankenlos auf einer Steinbank. Ein paar Pilger kommen vorbei, grüßen kurz und setzen ihren Weg fort. Eine alte Frau putz ihre kleinen Fenster , die Katzen in dieser Idylle liegen auf den Straßen und recken sich der frühen Frühlingssonne entgegen. Ein Hund bellt.

Plötzlich durchbricht tiefes Geschnaufe die Stille, ein roter Blitz taucht hinter der Ecke auf. Fernando findet mich, sichtlich gehetzt ohne Gepäck. Er ist so in Fahrt als er mich sieht, dass er nicht bremsen kann und tatsächlich über den Lenker absteigt. Ein Salto. Etwas belämmert sitzt er auf dem Boden vor mir.

Kaum wieder auf den Beinen bricht ein Schwall spanischer Schimpfworte über mich herein. Mich bringt nichts aus der Ruhe:

  1. Ich verstehe NIX.
  2. Ich bin mir keiner Schuld bewusst
  3. Ich bin die Ruhe selbst

Den von mir wohlgehüteten Pilgerpass meines spanischen Mitpilgers ziehe ich aus meiner Lenkertasche und über gebe ihm dem Eigentümer. Fernando noch immer schnaubend, mit Tränen in den Augen wirbelt sichtlich nervös über den Platz der kleinen Kirche. Endlich habe ich die Chance überhaupt gehört zu werden. Ich erkläre ihm auf Englisch, da mir keine spanischen Vokabeln einfallen, was meine Absicht war. Gutgemeint ist oft nicht gut, das wird mir bewusst beim Anblick des Spaniers. Meine Entschuldigung tut er mit einer Handbewegung ab. Ich lasse ihn ziehen, zurück, wo immer er seinen Verlust bemerkt und sich dem Gepäck zur schnelleren Fahrt entledigt hat.

Ich werde ihn Wiedersehen  ganz gewiss!

Fazit:

Ich habe ein Teil Gelassenheit gefunden!

Ribadiso de Baixo

Die heutige Etappe ist wirklich sehr schön. Die Sonne meinte es gut und schien den ganzen Tag. Nach der turbulenten Mittagspause geht es weiter auf Feldwegen oder parallel zu den Asphaltstraßen immer wieder kräftig bergauf und bergab, in Bachauen. Durchquere noch mal kleinere Ortschaften welche malerisch meinen Weg säumen, tauche ein in von Ginsterhecken gesäumten Hohlwegen, Pappelwälder mit schattigen Waldwegen. Folge stets den Caminosteinen, welche unerlässlich, Kilometer für Kilometer, die Strecke welche der Pilger nach Santiago zurücklegen muss, runterzählen. Ich fahre durch dichte Eichen- und Eukalyptuswälder, überquere abenteueliche Bäche auf Steinstegen oder rolle auf sandigen Wegen meinem Ziel entgegen. Noch ein zwei , mit Eukalyptus bepflanzte Hügel muss ich bezwingen um auf teilweise sehr steilen Schotterwegen nach Ribadiso abwärts zu fahren.

Das direkt an einer Bachaue liegende ehemalige Pilgerhospiz ist wunderschön, liebevoll restauriert und als Herberge hergerichtet. Dieses gemütliche Refugio wird diese Nacht meine  Unterkunft sein.

Tagesprotokoll:

44,86 km; 3:31::37; Æ 12,71 km/h; max. 54,5; 1824 kcal; Puls Æ 128 bpm; max. 171 bmp

Rotenplanung für Tag 14:

Ribadiso de Baixa à Arzúra (2,6) à Sta. Irene (19,3) à Lavacolla (31,5) à Vilamaior (30,6)

Angestrebte Herberge ist die 10 Kilometer vor Santiago liegende private Unterkunft „Casa de Amancio

Montag 26.4.2010

April 29, 2011

Von Samos nach Gonzar

Der Tag beginnt mit Nebel.

Idyllisch liegt das Kloster im Dunst, die Luft gefüllt mit Feuchtigkeit und positiver Stimmung. Etwas mystisches verbreitet sich, etwas was unsere  Ankunft schon am Start spüren lässt.

Die beiden Spanier begleiten mich ein Stück auf meiner heutigen Etappe. Ihr Ziel ist es morgen Abend Santiago zu erreichen, zwei harte Etappen liegen noch vor ihnen. Ich jedoch habe Zeit und genieße es heute langsam angehen zu lassen.

Wir fahren auf idyllischen Pfaden durch Zauberwälder, einsame Dörfchen, durch überwachsene Hohlwege. Eine liebliche Landschaft über Tal und Berg. Dort wo die Bäche den Weg überspülen kann es , für unser Rad schon mal etwas rutschig werden. Hochkonzentriert und dennoch begeistert von der aufblühenden Landschaft, durch viel Grün,  Ginster, Heidekraut ist dieser Morgen ein Traum für Mountainbiker. Ein Weg zum genießen, über Stock und Stein, Bergauf und bergab, ein Camino der die einzigartige und abwechslungsreiche Landschaft Galiciens offenbart.

Dieser Weg ist gesäumt von Wegsteinen die die verbleibenden Kilometer bis zum Grab des heiligen Apostels anzeigen. Der Jakobsweg schlängelt sich weiter in südöstliche Richtung nach Brea, wo uns ein Kilometerstein auf die letzten 100 km bis Santiago de Compostela hinweist. Dieser Stein ist ein Höhepunkt eines Fusspilgers, denn als Fusspilger gilt wer die letzten 100 Kilometer am Stück gepilgert ist. Ab diesem Zeitpunkt kommt das beliebte Einsteigen in die örtlichen Buslinien nicht mehr in Frage, schmerzende Füsse, drückende Rucksäcke müssen nun bis zum Schluss ertragen werden, wer das Credicial erhalten möchte. Dieses Stück Papier kann in Spanien bei Bewerbungen ausschlaggebend sein. Reisevernastalter bringen Menschen mit Bussen zum Abzweig bei der Landstraße, damit sie ab hier mit Tagesgepäck und in kleinen Etappen „pilgern“ können.

Weiter geht es durch die für Galicien typischen Hohlwege, genannt Corredoira, über Morgade nach Ferreiros (660 m). In dem Ort, dessen Name auf eine oder mehrere Schmieden hinweist, gibt es eine schöne kleine Kirche, die romanische Iglesia Santa María de Ferreiros  aus dem 12. Jh., welche ursprünglich einen anderen Standort hatte, aber 1790 an den heutigen Platz am Friedhof versetzt wurde. Ein schön verzierter Taufstein steht vor dem Kirchenbau. Die Landschaft wird immer kräftiger, der Frühling ist voll erblüht, die Bauern mähen bereits ihre Felder. Störche und Greifvögel freuen sich auf die Opfer der Mähmaschine. Ein Storch kommt in sanften Bogen zum Boden hinab geschwebt, ein schönes Tier, leider doch zu weit entfernt um ein passables Foto zu schießen.

Auf schmalen , steinigen Wegen geht es weiter schon bald genießen wir den Blick auf Portomarín , das auf der anderen Talseite liegt. Bevor wir  dort einrollen, muss man noch zum Belesar-Stausee auf einen nicht allzusteilen Trail hinabfahren und den aufgestauten Río Miño auf einer hohen Brücke überqueren. Bei niedrigem Wasserstand kann man unterhalb noch Reste älterer Brücken aus dem Wasser ragen sehen. So erreichen wir über eine Steintreppe den Ort Portomarín. Meine Wegbegleiter sind beim Tragen ihres Rades weniger konditionell gut aufgestellt, oder aber ihre Räder wiegen einiges mehr als meines. Auf jedenfall trage ich meinen Drahtesel locker die steile Treppe hinauf.

Der Ort wird im Jahr 792 erstmals als „Portumarini“ urkundlich erwähnt. Das Gebiet war demnach schon lange besiedelt, wie auch die Überreste keltiberischer Wehrdörfer, so genannter Castros, auf dem Gemeindegebiet bezeugen. Als einer der wenigen Übergänge am Río Miño, war der Ort von jeher eine wichtige Durchgangsstation für Jakobspilger. So wundert es nicht, dass sich gleich drei Ritterorden hier niederließen: am linken Miño-Ufer die Santiagoritter und die Tempelritter, am rechten Ufer die Johanniter. Die Wehrkirche San Nicolás musste dem Stausee weichen, wurde abgetragen und weiter oben am Hang wieder errichtet. Auch die Portalfront der Kirche San Pedro, ein Brückenbogen der mittelalterlichen Brücke sowie die Paläste Casa dos Condes und Palacio de Berbetoros aus dem 16. und 17. Jh. wurden in den neuen Ortskern verlegt. Das alte Portomarín verschwand.

Hier verabschiede ich mich von meinen Wegbegleitern, ihre Reise geht noch weiter, meine sollte nun hier enden. Es ist gerade mal Mittag und mein Magen knurrt. Im Supermarkt kaufe ich mir frisches Obst, ein Baguette, eine Salami und etwas frisches zu trinken. Auf den Stufen der Kirche San Pedro genieße ich in der Sonne mein Mahl und schaue dem Straßenkehrer bei seiner Arbeit zu. Ab und zu sehe ich Pilger mit ihren schweren Rucksäcken. Hier treffe ich auch auf Sabine und Claudia, zwei Mädels meines Alters. Wir unterhalten uns kurz und merken direkt das wir uns mehr zu sagen haben. So verabreden wir uns in der Herberge in Gonzar. 

Nach meiner Stärkung dem netten Gespräch mit der Vorfreude auf mehr, mache ich mich wieder auf den Weg. Ich überquere  auf einer Fußgängerbrücke eine Bucht des Stausees, wende mich dahinter nach rechts und fahre auf einem Fuhrweg durch ein Waldgebiet steil bergauf. Auf der Anhöhe trifft man bald auf die von Portomarín kommende Landstraße und folgt ihr nach links. Der Pilgerpfad verläuft auf der rechten Seite der Straße und ist auch gut für mich als Biker geeignet. Ich passiere eine Industrieanlage, wechseln wenig später am Weiler Toxibo die Straßenseite und fahre ein Stück auf einem Waldweg endlich wieder etwas abseits der Straße. Das letzte Stück meiner Etappe verläuft wieder dicht am Straßenrand, bevor ich das heutige Etappenziel, Gonzar  erreiche.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Herberge , Casa Garcia, ist ein typisches galicisches Bauernhaus mit Innenhof. Innen modern ausgebaut zu einer Herberge für Pilger. Es stehen die üblichen Schlafsäle mit Etagenbetten zur Verfügung oder aber Doppelzimmer mit eigenem Bad für etwas mehr Geld. Die Nacht kostet hier 10 Euro, viel für eine Nacht im Verhältnis der Herbergen in denen ich sonst so nächtigte. Doch absolut lohnenswert. Tolle breite Betten, hübsche Räume, warme Duschen und …tata…. einen Wäscheservice.

Ich gebe nach dem Einschecken meine dreckige Wäsche ab, sitze in Unterwäsche und T-shirt in der Sonne und warte auf meine von der Hausherrin gewaschenen Wäsche. Herrlich, entspannen , genießen, ausruhen…Auf der Pilgerreise kann es tatsächlich zum Erlebnis werden frische, wohl duftende Kleidung zu tragen, denn wenn man sich selbst nicht mehr riechen kann ist es ratsam so eine Herberge wie diese aufzusuchen.

Den Abend verbringe ich mit den beiden Mädels, wir essen hervorragende galicische Küche, trinken 2 Flaschen Wein und erzählen uns unser Leben, welches sich in weiten Teilen sehr ähnelt. Heute ist wieder so ein TAg an dem ich meinen Weg lieber zu Fuss weiter gehen möchte, langsam, Schritt für Schritt, den Gedanken nachhängend mit netten Menschen an der Seite.

Mein frisch geputztes Fahrrad jedoch muss mir auf dieser Reise Freund genug sein, ich genieße die Berührungspunkte mit den Fusspilgern und erfreue mich an der Freundlichkeit der Menschen.

Routenplanung für Tag 13:

Gonzar–> Palas de Rei 817,1)–> Melide (31,6)–> Castaneda (40,0) –> Ribadiso de Baixo (44,0)

Fazit:

Saubere Wäsche macht glücklich!

Von O Cebreiro nach Samos

April 27, 2011

Hinterm dem schönen Örtchen O Cebreiro , geht es auf  dem Höhenrücken des Pozo de Aréa nochmals 40 Höhenmeter bergauf. Vorbei an Linares und Hospital erreiche ich Alto de Poio, dort treffe ich einen mächtigen bronzenen Pilger.

Am Wochenende sind viele Autopilger unterwegs. Eine spanische Familie kommt mit 3 Autos angefahren um rasch ein paar Fotos zu schießen. Immer wieder fallen die Worte wie: „Ver, que son peregrinos!“ –> Seht wir sind Pilger! Es wird gepost, und gestaunt, es wird wie bei den Spanier üblich wild durcheinander geredet und gelacht. Anschließend nach wenigen Minuten rauschen sie hinab ins Tal zum nächsten Pilger Highlight , „dem Kloster Samos“ welches auch mein Ziel sein sollte.

Nun endlich winkt auch mir die wohlverdiente Abfahrt!

Doch ich fahre nicht auf den direkten Weg über die Landstraße, sondern rolle wieder auf den Spuren der vielen Fusspilger durch die schöne Gebirgslandschaft.  Ein Highlight am heutigen Tag, schöne Trails teilweise sehr steinig und ausgewaschen. Ich bin in meinem Element, genieße die Passagen und rausche in die Tiefe , vorbei an Fonfria, Lamas, Vilar und Pasantes um schließlich in Triacastela einzurollen.

Zur Mittagszeit ist es in diesem kleinen Ort sehr angenehm, kaum Autos auf den Sträßchen dafür volle kleine Restaurants mit kleinen Tischen an den Hauswänden. Ich beschließe ausnahmsweise ein richtiges Pilgermahl zu bestellen und bereue es bereits beim ersten Gang. Das knackige Gemüse, auf welches ich mich gefreut habe, ist verkocht, das Hähnchen fettig und kein bisschen knusprig, einzig schmeckt der billige Landwein. Den Nachtisch, eine undefinierbare Pampe, lasse ich unberührt stehen und weiß für alle Tage das mein Baguette und die harte Salami besser zu mir passen als touristische Menüs!

Zwei Radpilger aus Villafranca sehen das ganz anders und genießen anscheinend die Mahlzeit, ein kurzes Geplauder mit stockenden Spanisch meinerseits und wir beschließen den Rest unserer Etappe gemeinsam zu fahren. Das dichte Grün Galiciens verleiht dieser Landschaft einen einzigartigen Zauber. So führt uns der Pilgerpfad uns in ein Flusstal, wunderschöne Wege ein leichtes Auf und Ab mit wenig Fusspilgern. Malerisch schlängelt sich der WEg am Rio Sarria entlang, kleinere Kapellchen lassen uns immer wieder bei strahlenden Sonnenschein verweilen. Wir passieren eine Alte Mühle und reichen bald unser Ziel. Der Blick von oben ist beeindruckend. Das Kloster Samos zählt zu den ältesten Klöstern Spaniens. Gegründet im 6.Jh. zeigt sich die heutige Anlage im Renaissance und Barockstil. Die alten Mauern strahlen eine große Anziehungskraft aus und ich freue mich auf eine Nacht unter klösterlicher Obhut.

Die Herberge für die Pilger ist von der Rückseite aus zugänglich, direkt an dem alten Gemäuer ist eine Tankstelle angebaut und so betrete ich meine heutige Schlafstätte mit Benzingestank in der Nase. Den mit zahlreichen Wandmalereien verzierten Raum schließe ich sofort in mein Herz, die Etagenbetten sind alt , die Decken dazu ähneln eher einer Pferdedecke, schwer und kratzig doch die freundliche Aufnahme des Hostelieries lässt mich ankommen am Ziel meiner heutigen Etappe. Das Bett erweist sich als ein doch recht konfortables Nachtlager und die Aussicht mit weiteren 51 Pilgern in einem Raum zu nächtigen schreckt mich keineswegs ab!

Die Dusche ist spärlich und kalt, es gibt keine Trennung zwischen Männlein und Weiblein, aber wen stört das schon, schließlich sind wir alle froh wieder einmal am Ziel angekommen zu sein.

Meine anschließende Besichtigung der Klosteranlage ist atemberaubend, die Führerin spricht ein Spanisch bei dem ich sogar etwas verstehe und somit die vielen prächtigen Wandmalereien im inneren Der Klosteranlage bestaunen und verstehen kann. Kühl ist es in den Kreuzgängen eine willkommende Abwechslung zu der frühsommerlichen Hitze an diesem Tag. Meine Wegbegleiter laden mich zu einem Glas Bier ein und erzählen mir mit verständlichen Vokabeln ihre kleine Reise. Sie sind nun auf der 5. Etappe zum Grab des Apostels. Angetreten haben sie den Weg 2005 um im heiligen Jahr ihr Ziel zu erreichen. Jeweils nur wenige Tage Zeit zum Pilgern, genießen sie nun die wenigen Kilometer bis zum Ziel. Ihre Frauen und Kinder werden sie in Santiago begrüßen und mit ihnen ihren langen Weg feiern. Auf mich wird keiner warten, nicht in Santiago!

Nach der Besichtigung der Zypressen Kapelle , ein im mozarabischen Stil erbautes Gotteshaus in der Ortsmitte , genieße ich die untergehende Sonne , tanke Kraft und weiteren Mut meine Reise fortzusetzen. Die Tage gehen langsam dahin, die Zeit rennt nicht, ich genieße jede Minute, jeden Blick, jede Umdrehung meines Rades und die Begegnungen mit den fremden Menschen die mir doch so nah sind! Es eint uns ein Ziel, ein Weg und ein Stück Glaube, eine Idee das diese Reise in unserem Leben etwas bewirken kann. Ich weiß das ich in Santiago eine Andere sein werde als zu Beginn meiner Reise in Pamplona.


Diese Diashow benötigt JavaScript.

Tagesprotokoll:

59,0km; 5:18:42; Ø11,1km/h; max. 44,4km/h; 2467 kcal; Puls Ø 123bpm; max. 163 bpm

Routenplanung für Tag 12:

Samos –> Sarria (10,3km) –> Morgade (24,7) –> Portomarin (35,9)

Fazit:

Wer rast kommt schneller voran,

aber das Ziel entfernt sich dennoch!